Unerhörtes, ungeahntes, unbekanntes Collingwood

Mein Collingwood – das ist der alte Mann, der jeden Morgen mit einer gestrickten Pudelmütze auf dem Kopf und einem Gehwägelchen ausgestattet den Berg der Stanley Street erklimmt, um sich zu seinen Freunden an der im Suburb nur zu gut bekannten „Drunk-Corner“ zu gesellen.

Seine Freunde, das sind eine Gruppe von Menschen, die sich die Tage mit gemütlichem Zusammensitzen vertreiben, mit wütendem Schimpfen und hysterischem Schreien, mit fröhlichem Lachen und spitzbübischem Kichern, mit exzessivem Rauchen, Trinken und Schnorren.

Ich gestehe: Während meiner ersten Wochen als Collingwoodlerin habe ich die verschriene Ecke gemieden und lieber den Umweg auf die andere Straßenseite auf mich genommen, als mich dem lebhaften Geschehen an der Ecke Stanley und Smith Street zu stellen.

“No worries, love.”

Smith Street CollingwoodMittlerweile, als beinahe „Alteingesessene“, weiß ich, dass man als Außenstehende nichts zu befürchten hat, dass sich deren Querelen grundsätzlich nur in ihren eigenen Reihen abspielen und dass einer Verneinung der Frage, ob man mal etwas Kleingeld hätte, durchaus auch mit einem freundlichen „No worries, love. Have a great day!“ entgegengekommen wird.

Nun, und das freut mich besonders, achte ich immer öfter darauf, dass ich etwas Kleingeld in meiner Manteltasche stecken habe, um den unermüdlichen Schnorrern hin und da mal wieder was zustecken zu können.

Ich habe hier mehrere Monate in einem kleinen Café gearbeitet und bin regelmäßig mit einigen von ihnen in irgendeiner Weise in Kontakt gekommen. Mindestens einmal am Tag sah ich eine winkende Hand am Fenster hinter meiner Espressomaschine vorbeiziehen, deren zugehöriger Körper sich einen Augenblick später an der gläsernen Eingangstür in voller Statur präsentierte – ein breites Grinsen im Gesicht: „How is it going?“

Teure Loftwohnungen in backsteinfarbenen Fabrikgebäuden

Smith Street CollingwoodCollingwood – das sind für mich auf der anderen Seite Yuppies, die sich eine der teuren Loftwohnungen in den alten renovierten, backsteinfarbenen Fabrikgebäuden geleistet haben.

Auch diejenigen, die täglich in den zahlreichen Büros und Agenturen ihrer Arbeit nachgehen und sich eigentlich ein bisschen fehl am Platz fühlen in unmittelbarer Nähe zu den Commission Houses an der Wellington Street, deren Bewohner das Bild Collingwoods so stark prägen.

Das sind die Menschen, die sich auf der belebten Smith Street aufhalten, ein wenig in den Ramschläden wühlen, sich beim mit freundlich dreinblickenden Sicherheitsmännern bewachten Safeway mit Lebensmitteln ausstatten, die einen Caffè Latte in einem der vielen Straßencafés an der Smith Street trinken und sich dabei die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

Hier ist Platz für jedermann, dem quirligen Schwulen, der sich vor allem auf der Wellington Street amüsiert, dem Fetisch von nebenan, der sich in einem der Geschäfte an der Johnston Street einkleidet, dem Öko mit seinem Bio-Soymilk-Fairtrade-Cappuccino, der Punkerin, die im legendären The Tote abrockt, der Designerin, dem Business-Man, für dich und mich.

Die große Schwester Brunswick Street

Smith Street CollingwoodBei weitem nicht so hübsch und reizend wie die große Schwester Brunswick Street, doch mit ganz eigenem Charme und echter Originalität erobert die Smith Street die Herzen ihrer Besucher und Anwohner.

An dieser Straße können Geschäfte bestehen, die selbst im alten und romantisierten Europa überwiegend das Zeitliche gesegnet haben. Vor einem kleinen Laden an der Ostseite der Smith Street zum Beispiel sieht man an sonnigen Tagen regelmäßig ein oder zwei ältere Herren, seltener Damen, auf einer Bank sitzen, die auf ihren Friseurtermin warten.

Haare schneiden im Kuriositätenladen

Smith Street CollingwoodIhr Friseur ist mittleren Alters mit schulterlangem, dünnem Haar, der aus einem kleinen Kuriositätenladen – man kann’s kaum glauben – einen Friseursalon gemacht hat – oder umgekehrt. Darin sind alte Tapeten aus den 70er Jahren zu finden, Teekannen und Lampen aus den 50ern sowie allerlei anderer Retro-Klimbim aus den vergangenen Jahrzehnten – und eben auch der alte Friseurstuhl, auf dem die Kunden inmitten der zerbrechlichen Porzellanfiguren frisiert werden.

Hier findet man noch den altmodischen Schuster, der tatsächlich weiß, wie man Schuhe besohlt, zwei Metzger, mindestens vier Bäckereien, eine Konditorei deren Verkäuferin wie aus einer anderen Epoche aussieht, einen Schneider, zwei Bioläden, Schreibwarenhandlungen, ein Elektrogeschäft und einfach alles, was jede kleine Gemeinde so braucht.

Hier gibt es den Cheesecake-Mann, dessen rauschender Vollbart mich genauso an Kommunismus erinnert wie sein Geschäfts-Slogan „Eat cake, comrade!“, der mich aber mit seinem amerikanischen Riesenschlitten eines Besseren belehrt.

Selbstausdruck statt aufgesetzte Innovation

Smith Street CollingwoodMein Collingwood – das ist eine Gemeinde, die sich aus den kuriosesten Gestalten zusammensetzt, deren Geschäftsideen nichts mit aufgesetzter Innovation zu tun haben, sondern einfach Ausdruck ihrer Selbst darstellen.

Auf eine lange und rauschende Vergangenheit kann sie zurückblicken, die Smith Street, und hebt man als Passant nur ein wenig den Kopf, so erblickt man wunderschöne, stark verblichene Schriftzüge, die von den florierenden Jahren der Straße zu Beginn des letzten Jahrhunderts erzählen:

Smarty Smith Street: Einst elegante Einkaufsmeile mit erstem Coles

Smith Street CollingwoodVor der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er zog sie als beliebteste Einkaufsmeile Melbournes elegant im Edwardian Stil gekleidete Damen und Herren in Scharen an. Hierher kam man um zu sehen und gesehen zu werden. Der Textilhersteller Foy & Gibson, dessen Geschäftsräume an der östlichen und westlichen Seite der Smith Street unterirdisch mit einem Tunnel, dem so genannten „Smith Street Subway“, verbunden waren, war ein regelrechter Kundenmagnet zu damaliger Zeit.

An dieser Straße öffnete auch der erste Coles seine Türen und läutete damit die Ära des modernen Supermarktes in Australien ein: Hier konnte der Kunde erstmals die Waren anfassen, ohne sich zu deren Kauf zu verpflichten.

Collingwood – das war seit jeher von Menschen besiedelt, deren Gegensätze sich auf irgendeine Weise angezogen haben: Menschen mit viel Geld und Menschen mit wenig Geld, Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern wie Vietnam, Griechenland, der Türkei, China, Italien, England, jung und alt.

Collingwood – beachtliche Vergangenheit, unsichere Zukunft

Smith Street CollingwoodSeit nicht allzu langer Zeit beginnen sich an der Smith Street langsam aber sicher stylische Cafes und Restaurants niederzulassen, Designerläden und teure Friseursalons, die auf eine ganz bestimmte, geldige Zielgruppe abzielen und auch Bewohner anderer Suburbs nach Collingwood locken.

Auch wenn ich mich freue, in der unmittelbaren Nachbarschaft ein paar richtig schöne und besondere Lokale zu haben, denen ich spontan einen Besuch abstatten kann, so hoffe ich, dass diese die Ausnahme bleiben.

Für mich macht der kleine Schuster, der Bäcker mit den leckeren Semmeln und der alte Schreibwarenhändler den Charme dieser Straße und dieses Stadtteils aus. Mir gefällt die Institution der Drunk-Corner, denn diese meine Nachbarn haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Collingwood ist, was es ist: Ein Stadtteil mit beachtlicher Vergangenheit und unsicherer Zukunft.

Text: Layla Eberle, Photos: Stefan Bühl

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