Deutsche Kindheit in Melbourne: Karin Heller

“I grew up on a diet of Lebkuchen, Lübecker Marzipan and Lindt chocolate”, lacht Karin Heller und die ohnehin strahlend grünen Augen der 39jährigen Australierin leuchten noch intensiver bei der Erinnerung an ihre deutsch geprägte Kindheit hier in Melbourne.

Karin Heller, Designerin exquisiter Ledertaschen, gehört zur dritten Generation deutscher Einwanderer in Melbourne. Mutter Dagmar, ist in Deutschland geboren und kam 1953 als Neunjährige mit ihren Eltern nach Australien. Vater Bodo wanderte als 22jähriger ein.

“Drawers”, “beans” und “cold meat” , das sei bei den Hellers auch nach mehr als einem halben Jahrhundert in Australien “Schublade”, “Bohnen” und “Wurscht”, erzählt Karin auf Englisch, der Sprache, die sich seit langer Zeit in der Familie gegen Deutsch durchgesetzt hat.

Erlerntes Schulbuch Deutsch

“Meinst Du das oder sagst Du das nur so?” rezitiert sie lachend und immerhin akzentfrei einen Satz aus ihrem Schulbuch, den sie bis heute nicht vergessen hat. Zwar kann sie den Sinn eines Gesprächs in Deutsch erahnen, doch wenn sie selbst Deutsch sprechen soll, dann muss mühsam erlerntes Schulbuchwissen herhalten.

Dass Karin kein Deutsch spreche, “was laziness on my behalf”,  gibt Dagmar, Karins Mutter, unumwunden, mit Bedauern und ein wenig wehmütig zu. Als Karin geboren wurde, die junge Familie häufig umzieht, und Zeit ein mangelndes Gut wird, sei ihr das Englische einfach leichter über die Lippen gegangen als ihre Muttersprache Deutsch.

Interessanterweise, denn als die gebürtige Kielerin vor über 50 Jahren erstmals australischen Boden betrat, konnte sie kein einziges Wort Englisch. ‘Keiner von uns konnte Englisch sprechen”, erinnert sie sich. “Ich weiss noch, wie mein Vater in unser Schiffskabin lag, und versuchte, englische Wörter aus dem Wörterbuch auszusprechen.”

Die Sprache, in der Dagmar heute denkt, fühlt und ohne jeglichen Akzent kommuniziert, hat ihr zu Beginn ihres neuen Lebens weit ab von der ersten Heimat, das Einleben, die Schule und neue Freundschaften recht schwer gemacht. Ebenso die Tatsache, dass Deutsche zur damaligen Zeit nicht immer willkommen waren und Mitschüler und –schülerinnen sowie einige Lehrer ihr das Leben absichtlich nicht erleichterten.

Andere Tischmanieren

Andere Länder, andere Sitten, davon kann Dagmar ein Lied singen. “Tomato sauce! Ich weiss noch, als ich das erste mal Tomato sauce gesehen und mich gewundert habe, was das wohl sei” lacht die symphatische Grossmutter zweier Enkelkinder. “Auch Tischmanieren waren ganz anders als unsere. Zum Beispiel die Art und Weise, wie die Australier ihre Gabel benutzen. Mein Mann hat sie immer noch nicht übernommen,” fährt sie lachend fort.

Obwohl Hellers das im Vergleich zu Deutschland informale, unbürokratische Australien lieben und sich immer mehr anpassen, einige Traditionen behalten Bodo und Dagmar, die sich übrigens im Deutschen Club Adelaid kennenlernten, bei.

Die Kinder, Martin und Karin – auf deutsche Namen getauft, weil Dagmar und Bodo sich nicht sicher sind, ob sie nicht doch eines Tages wieder zurück nach Deutschland ziehen – wachsen auf mit Kloggs an ihren Füssen und Karin trägt als Mädchen die Haare in deutscher Facon in festen Zöpfen. Bescherung ist heute noch am Heilig Abend.

Mit deutschen Eltern aufwachsen in Australien, hat das Karins Leben beeinflusst? Die schlanke Australierin überlegt nur kurz: “I feel quite German”, sagt die symphatische Designerin und meint, dass bestimmte Charakereigenschaften sicherlich auf ihre deutschen Wurzeln zurück zu führen sind: “I am very punctual. I get impatient, when something lasts longer than expected and things have to be perfect.”

Diese Liebe zum Perfektionismus gepaart mit Begeisterung für Praktisches und einer Reiselust, für die Deutsche bekannt sind, spiegeln Karins Taschen-Kreationen wider. Die ästhetischen Laptop Taschen aus hochwertigem Leder, die sie unter dem Label Kikko (japanisch fuer Schildkröte) vertreibt, sind perfekt gearbeitet.

Jede Tasche ein Unikat

Das Innenfutter besteht aus feinsten japanischen Kimono Seidenstoffen, die Karin während zwölf Jahren, die sie in Japan als Englisch Lehrerin verbracht hat, lieben und schätzen gelernt hat. Einzig für zwei Taschen reicht der Stoff. Jede Tasche ist ein Unikat und kann genau nach Wunsch und Bedürfnissen ihrer zukünftigen Besitzerin gearbeitet werden.

Genäht hat die ersten Muster-Taschen für Karin Mutter Dagmar Zuhause im Wohnzimmer. Und zwar auf ihrer guten alten schweizer Elna-Nähmaschine. “Sie lief fast rund um die Uhr,” erinnert sich Dagmar und zeigt sichtlich stolz die praktisch und schlicht-eleganten Business Taschen ihrer Tochter ist.

Heute arbeitet Karin mit einem Melbourner Hersteller zusammen, der mittlerweile ebenfalls mit der “deutsche Seite” der kreativen Designerin vertraut ist. Sie sagt ihm, was gemacht werden soll und macht sehr klar: “I want it done like that,” lacht Karin. Genauso, wie sie es sagt. Alternativen ausgeschlossen!

Die Überlegungen von einst, eines Tages wieder zurück nach Deutschland zu gehen, so wie es übrigens Karins Grosseltern getan haben, haben ihre Eltern, Bodo und Dagmar, mittlerweile abgeschlossen. Auch wenn Sohn Martin den Sprung zurück nach Europa getan hat und nach einigen Jahren in Deutschland nun in England lebt.

Vergangenheit teilen

Heimat, das scheint nun doch Australien zu sein, besonders mit Karin, Schwiegersohn James und den Enkeln Luka (5) und Maya (2), die sozusagen um die Ecke leben. Dennoch, in letzter Zeit wünscht sich Dagmar doch mehr Kontakt zu anderen Deutschen in Australien, um Erinnerung auszutauschen und eine Vergangenheit zu teilen, die sich nicht mit australischen Freunden teilen lässt – eine Kindheit in Deutschland.

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