Deutsche in Melbourne: Peter Ross

Etwas Anderes sehen, raus kommen aus Deutschland, das ihm – besonders geistig – zu klein und eng erschien, das hat Peter Ross schon immer gereizt. Dass es den zu DDR Zeiten geborenen Rostocker jedoch eines Tages ins ferne Australien verschlagen würde, davon hat der sympathische 42jährige lange Zeit nicht einmal träumen können.

“Ein neues Leben in Ungarn, das habe ich mir vorstellen können,” lacht er. Aber sicherlich keines in Australien, demLand, das wie kaum ein anderes seine unbändige Sehnsucht nach Weite und Freiheit befriedigen kann.

Die politische Wende in Deutschland hat’s dann doch möglich
gemacht, samt einem Urlaub in Australien, während dem Peter das Land gründlich
kennenlernte, und seiner Qualifikationen im IT Bereich, mit denen er ein skilled
migration Visum beantragen konnte.

Doch bevor dieses in seinPass gelangte, musste noch eine andere Hürde genommen werden: 1999 ging’s auf zu dem
von so vielen gefürchteten Englisch Test. Peter nahm’s locker und hatte mit
seiner damaligen Partnerin abgesprochen: “Wenn alles gut läuft, dann machen wir
weiter, wenn nicht, ist es Schicksal.”

Fachvokabular macht Englisch Test perfekt

Das Resultat? Peter grinst. “Der Test lief sehr gut!” Über
ein Bild mit einem Bogenschützen habe er reden müssen, erzählt er.  Perfekt für jemanden, der zufälligerweise
diese nicht allzu häufige Sportart ausübt und versiert im Fachvokabular ist, da
namhafte Hersteller von Pfeil und Bogen in England und den USA ansässig sind,
und Peter, wollte er Ausrüstung und Ersatzteile bestellen, sich durch
englischsprachige Kataloge und Wörterbücher wälzen musste.

Juli 2002 sitzt Peter dann im Flieger nach Down Under, um
seines neues Leben vorzubereiten. Erstes Anlaufsziel Adelaide. Rasch stellt sich allerdings
heraus, bessere IT Jobs gibt’s in Melbourne
und nach einigen Wochen versucht Peter hier sein Glück.

Niedrige Temperaturen im klammen Zimmer

Erster Eindruck? “Verdammt kalt,” kommt es wie aus der
Pistole geschossen. Mit spitzbübischem Lachen gibt er unverhohlen zu, dass er
sich bei Nacht und Nebel in den Fernsehraum seines Hotels geschlichen und von
dort den kleinen Heizer stibitzt habe, um die Temperaturen in seinem klammen
Zimmer eingermaßen ertragen zu können.

Akribische Job- und Wohnungssuche zahlen sich aus. Peters
erste Stelle findet sich in Beaumaris; ein nettes, typisch australisches
Weatherboard-Haus in Port Melbourne. Peter eilt zu “Fantastic Furniture”,
ersteht Tisch, vier Stühle, Betten und signalisiert grünes Licht für
Töchterchen Sarah, damals zwei Jahre alt, und ihre Mutter, die schleunigst aus
Deutschland nachkommen.

Obwohl Peter bereits kurz nach seiner Ankunft Sarahs Namen
auf Wartelisten für Krippenplätze in der Nähe eingetragen hat, bleibt es auch
nach Monaten schwierig, sie unterzubringen.

Lange Wartelisten für einen Platz im Childcare Centre

Image
Letztlich wird die Kleine in “Kids on Collins” akzeptiert –
eine der teureren Kinderbetreuungs Varianten und nicht gleich um die Ecke von
Zuhause. Doch wer keine Wahl hat, ist dankbar für jede Chance und endlich kann
auch Sarahs Mutter wieder ihrem Beruf nachgehen.

Mittlerweile ist aus Sarah ein typisch australisches,
neunjähriges Schulmädchen geworden und Peter arbeitet, nach zeitintensiven
Consulting Jobs u.a. für IBM, bei dem Reisebuchexperten und australischem Icon
“Lonely Planet”. Nicht zu letzt wegen einer entspannteren Arbeitsatmosphäre und
festeren Arbeitszeiten, die für Peter, der jede zweite Woche alleinerziehender Vater
ist, wichtig sind.

Pfeil und Bogen hat der 1,73m große gebürtige Rostocker
mittlerweile durch Segeln im Albert Park ersetzt. Und die Weite und Freiheit
Australiens geniesst der humorvolle Wahl-Melbourner noch immer. Vor allem die
Entspanntheit seiner Mitmenschen, die nicht auf Schritt und Tritt verfolgen,
was der Nachbar macht, haben es ihm angetan.

Erinnerungen an ehemalige DDR

“Als ich vergangenes Jahr in Deutschland Urlaub machte, hat
tatsächlich unser Nachbar meinem Vermieter gesagt, dass wir unser Bettdecken
draußen auf die Hollywood-Schaukel gelegt haben. Das würde hier nie im Leben
vorkommen. Über ein solches Verhalten würden Australier doch nur lachen. Das
nimmt doch hier keiner ernst,” sagt Peter und schüttelt den Kopf.

Erinnerungen an die DDR werden wach. Peter erzählt von der
Stasi-Akte eines Freundes, die rund 1000 Seiten umfasst, und dass obwohl dieser
sicherlich nicht Staatsfeind Nr. 1 war, doch wie Peter selbst mit der Kirche
verbunden war. Nein, sein Leben mit und unter Australiern, das finde er
wirklich sehr angenehm.

Auch wenn er australisch-untypischerweise kein Auto und noch
nicht einmal einen Führerschein besitzt. “In der DDR hat man zehn Jahre auf ein
Auto warten müssen. Da fand ich es absurd, den Führerschein zu machen. Und ich
mag weder das stundenlange im Stau stehen im Stadtverkehr noch ist es gut für
die Umwelt. Da habe ich wohl zu viel grünes Gedankengut in mir,” lacht der
Fahrradfan und erfahrene Camper.

Alte Heimat ist verschwunden

Und die alte Heimat Deutschland? Vermisst er sie rein gar
nicht? Dinge aus seiner Kindheit beispielsweise, mit denen er gross geworden
ist und die es hier in Australien nicht gibt? “Die sind mit der DDR
verschwunden,” grinst Peter und erzählt von Vita-Cola und Baby-Spinat.

Wenn er Deutschland vermisst, dann sei es wohl eher die Zeit
“der untergehenden DDR, in der alles drunter und drüber ging, alles möglich war
und der Westen noch nicht Einzug gehalten hat.” Aber auch die ist längst
vorbei.

Was dem Informatiker jedoch fehlt, ist seine Familie und
deren Unterstützung im Alltag. “Ich habe nicht die Möglichkeit, schnell mal
anzurufen und zu fragen: “Könnt ihr mir mal für ein paar Stunden Sarah
abnehmen,” wenn es an der Arbeit brennt,” bedauert er.

Zurück nach Deutschland?

Doch deshalb wieder zurück nach Deutschland zu gehen, kommt
für den 42jährigen nicht in Frage. “Da muß schon etwas Gravierendes passieren”
meint er und kommt wieder ins Schwärmen über den Sonnenuntergang am Pier, den
Alltag in der Bucht und den alltäglichen Sprung ins nur vier Minuten von
Zuhause entfernte weite Wasser morgens vor der Arbeit. Wer mag davon schon Abschied
nehmen?

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