Deutsche in Australien: Dr. Bernd Merkel – Engagierte Forschung & praktische Hilfe im Kampf gegen MS und Alzheimer

Dr Bernd Merkel arbeitet derzeit im Bereich Multiple Sklerosis in Australien

Australien stand nicht unbedingt auf der Liste der Länder, in denen der gebürtige Oberfranke Dr. Bernd Merkel, plante zu leben. Doch als das angesehene Royal Melbourne Hospital ihm in Zusammenarbeit mit der renommierten University of Melbourne eine Doktorarbeit anboten, sagte er ja.

Mittlerweile liebt der Naturwissenschaftler seine Wahlheimat, hat mit seiner Forschung zum Kampf gegen Alzheimer und MS beigetragen und diskutiert in seiner derzeitigen Tätigkeit tagtäglich Medizinern bestmögliche Behandlungsoptionen für ihre Patienten zu suchen. Claudia Löber-Raab hat sich mit dem erfolgreich, engagierten Deutschen unterhalten, dessen Zukunft in Australien auch nach neun Jahren noch immer unsicher ist und die Visumsfrage wie ein Damoklesschwert über ihm hängt.

Mathematik & Medizintechnik statt Journalismus

Bernd Merkel lacht. Wäre es nach ihm gegangen, würde er jetzt im Studio eines renommierten deutschen oder gar internationalen Radiosenders sitzen und spannende Sportsendungen moderieren. „Das war schon immer mein Kindheitstraum,“ erinnert sich der Deutsche, der bereits seit neun Jahren in Australien lebt, und erzählt augenzwinkernd, dass er früher sogar seine eigenen Sportsendungen auf Kassettenrecorder aufgenommen habe.

„Das werden sie jetzt nicht gern hören wollen,“ fährt Bernd schmunzelnd fort, „aber das habe ich mir dann von meinen Eltern ausreden lassen.“ Sie hätten ihn gewarnt, dass, wenn er eine journalistische Laufbahn einschlagen wolle, er damit rechnen müsse, nachts um 2 Uhr zu einem Scheunenbrand gerufen zu werden, um darüber zu berichten.

Aus Oberfranken in Deutschland nach Australien: Bernd Merkel

Dafür konnte sich Bernd weniger begeistern. Der gebürtige Oberfranke aus Hof an der Saale schrieb sich lieber für einen „double degree“, einen doppelten Studienabschluß, im Diplomstudiengang Techno-Mathematik sowie im Master of Science-Studiengang der Medizintechnik ein – zunächst an der Universität zu Bayreuth, dann an der Technischen Universität zu München.

Ein Studien-Fokus von Bernd: Kernspintomographie

Der deutsche, promovierte Neurowissenschaftler Bernd Merkel hat seine Doktorarbeit in Australien absolviert

Ein Fokus seines Medizintechnik-Studiums und der anschliessenden Forschung war die medizinische Bildgebung. Was man sich darunter vorstellt? Neben Röntgenstrahlung, Ultraschall und anderen Methoden vor allem MRI – Magnetic Resonance Imaging – oder auf Deutsch MRT – Magnetresonanztomographie beziehungsweise Kernspintomographie. Während bei jeder Röntgenaufnahme aufgrund radioaktiver Strahlung eine kleine Körperverletzung entstehe, so lasse sich dies beim MRI weitestgehend vermeiden, da mit einem Magnetfeld gearbeitet werde, erklärt der promovierte Naturwissenschaftler.  

Dieses Magnetfeld ist außerordentlich kraftvoll, genauer gesagt zwischen 10.000 und 50.000 Mal stärker als das Magnetfeld der Erde. Es wird – zusammen mit Radiowellen – erzeugt in einer Röhre, in die Patienten geschoben werden, für deren Diagnose beziehungsweise Heilung es wichtig ist, ein detailliertes, dreidimensionales Bild ihres gesamten Körperinneren zu gewinnen.

Mit der Methode, die erst um 1970 von dem amerikanischen Wissenschaftler Paul C. Lauterbur eingeführt wurde, wird vor allem genutzt, dass der menschliche Körper bis zu 80 Prozent aus Wassermolekülen besteht. Diese wiederum bestehen aus Protonen, die magnetisch sind. Stimuliert durch das Magnetfeld von außen, können mit Hilfe von Computern Bilder in Schichten aufgenommen werden, die dreidimensional sind.

Von Bremen ans Royal Melbourne Hospital

Röntgenaufnahmen sind folglich wirksamer in Körperteilen mit weniger Wasser, wie bespielsweise Knochen oder auch Zähnen. Doch wenn es beispielsweise um detaillierte Gewebestrukturen und Tumore wie in der Krebsforschung, Kopf- oder Gehirn-Verletzungen oder aber neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer geht, spielt MRI eine essentielle Rolle.

Apropos Alzheimer beziehungsweise Alzheimer-Forschung: Genau sie brachte den deutschen Wissenschaftler nach Australien, genauer gesagt zum Melbourner Royal Melbourne Hospital (RMH).

Bernd: „Nach dem Studium hatte ich knapp sieben Jahre in Bremen am Fraunhofer Institut für Digitale Medizin gearbeitet und wollte gern noch einmal für ein oder zwei Jahre ins Ausland, nach England oder Schottland. Australien stand eigentlich nicht auf der Liste.“ Dennoch schickte er eine Initiativ-Bewerbung ans Royal Melbourne Hospital . „Der Name klang einfach toll,“ lacht er.

Bernd Merkel mit einheimischen australischen Tieren

Das Resultat: Einige Monate später stieg Bernd mit zwei Taschen Gepäck einen Flieger Richtung Melbourne und startete hier im Department of Medicine an der angesehenen University of Melbourne in Zusammenarbeit mit dem RMH seine Doktorarbeit. Thema: “The Associations between Physical Activity and Magnetic Resonance Imaging in People at Risk of Alzheimer’s Disease”

Doktorarbeit in Australien über Alzheimer

Zum ersten Mal beim Melbourne Cup in Australien: der Deutsche Bernd Merkel

Der Post-Doc folgt am ebenfalls angesehenen Melbourne Brain Center des RMHs, wo sich Bernd mit der Multiple Sklerose (MS) Forschung beschäftigte. Jede fünf Minuten wird weltweit ein Mensch an dieser Erkrankung des Zentralen Nervensystems diagnostiziert, erläutert er.

MS attackiert vor allem unser Gehirn, unser Rückenmark und unsere Sehnerven, läßt uns unter anderem unser Gedächtnis, unsere Konzentrationsfähigkeit, unsere Sprache und unsere Sinne, Balance und Bewegungen verlieren. Zwangsläufig kann f+ die Erkrankung zum Tod führen, wenn unser angegriffenes Gehirn seine Kontroll- und Steuerungsfuktionen nicht mehr vollbringen kann.

Unter jungen Menschen ist MS die häufigste Erkankungsursache des Zentralen Nervensystems. Fast schon drei Viertel der an MS Erkrankten sind Frauen und eine Heilung der Erkrankung, deren Zahl stetig steigt, noch immer nicht gefunden.

Der Sprung aus der Forschung in die Industrie 

Eine sinnvolle Forschungsarbeit also, zu der Bernd mit großem Engagement beitrug. Dennoch war ihm klar: glücklich würde sie ihn auf Dauer nicht machen. Wie viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die in einem akademischen Umfeld arbeiten, beklagen, sagt auch der mittlerweile 44-Jährige: „Der Druck zu publizieren, immer wieder neue Forschungsanträge zu stellen, ist hoch.

“Doch nicht nur diese Belastung und Frustration bewog Bernd von der Forschung in die Industrie zu wechseln: der unmittelbare Kontakt und die Interaktion mit Menschen fehlte ihm. Die perfekte Gelegenheit, ein neues Kapitel in seiner Karriere zu öffnen, seine Erfahrung, seine Expertise und sowohl seine unverkennbare Liebe zur Forschung als auch zum Umgang mit Menschen zu kombinieren, ergab sich als er vor rund vier Jahren eine Stelle in der Pharmaindustrie entdeckte.

Spielt ebenfalls Violine im Orchester des Royal Melbourne Hospitals: der Deutsche Bernd Merkel

„Es ist keine Sales Stelle,“ stellt er lachend klar und beugt dem ersten Gedanken an einen Pharmazeutischen Vertreter vor, den wohl die meisten haben, wenn sie an einen Beruf in der Pharmaindustrie denken. Vielmehr ist der Neurowissenschaftler „Medical Science Liaision“ für eine Firma, die einige der insgesamt rund 15 Medikamente, die in der MS Behandlung eingesetzt werden, vertreibt.

Bindeglied zwischen Medizinern & Pharmakonzern

Einsatz für den Kampf gegen MS in Australien und weltweit von dem deutschen Neurowissenschaftler Bernd Merkel

Der Deutsche ist sozusagen das Bindeglied zwischen behandelnden Ärzten und Ärztinnen und des weltweiten Pharmakonzerns. Was das genau bedeutet? Der süddeutsche Wahl-Melbourner gibt ein Beispiel: „Eine MS Patientin hat jegliches Recht auf ein erfülltes Leben, möchte schwanger werden und spricht mit ihrem Arzt darüber. Keines der MS-Medikamente ist hundertprozentig sicher in einer Schwangerschaft und kann den Fötus schädigen.“ Was tun? Diese Frage der Mediziner zu beantworten, dafür fungiert Bernd als Ansprechpartner.

 

Er ist der Experte, dessen Aufgabe es ist, stets auf dem aktuellen Stand der MS- und Medikamenten-Forschung zu sein und in seinem weltweiten Netzwerk, Informationen und Erfahrungen zu recherchieren, die Mediziner und Medizinerinnen in ähnlichen Situationen gemacht haben.

Auf der Basis dieser Daten ist er in der Lage, mit den behandelnden Mediziniern und Medizinerinnen mögliche Therapie-Ansätze und Behandlungsoptionen für Patienten und Patientinnen zu diskutieren. Die endgültige Entscheidung liegt später beim Arzt selbst.

Bernd Merkel: Jeden Tag einen Unterschied machen

Bernd hält einen Moment inne und sagt dann: „Ich will nicht sagen, dass ich ein Helfersyndrom habe, aber ich kann mit meiner Arbeit jeden Tag einen Unterschied in einem Leben machen.“ Das, so spürt man deutlich, bedeutet ihm viel. Ebenso wie der Kampf gegen MS – „jede MS-Erkankung ist eine Erkrankung zu viel,“ sagt er – und vor allem gegen Alzheimer – eine Krankheit, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben und mit der sich Neurowissenschaftler seit Jahrzehnten beschäftigen.  

„Wir sind noch immer nicht in der Lage, Alzheimer effektiv zu behandeln, obwohl die Krankheit schon seit 115 Jahren bekannt ist. In der Krebsforschung ist in den letzten Jahren soviel passiert und beispielsweise Brustkrebs muss längst kein Todesurteil mehr sein,“ erklärt Bernd erleichtert und dennoch besorgt. Der Grund: Alzheimer ist mittlerweile die zweithäufigste Todesursache in Australien nach Herzerkrankungen und die Zahlen steigen alarmierend.

Genießt Australiens Lifestyle: Dr. Bernd Merkel in seiner Wahlheimat Australien

Pro Tag werden allein in Australien 250 Menschen im Durchschnitt mit Alzheimer diagnostiziert, weltweit ein Mensch alle drei Sekunden. In den USA beispielsweise hat sich zwar die Todesrate an Herzerkrankungen zwischen 2000 und 2018 um 7.8% verringert, aber im gleichen Zeitraum die der Alzheimer-Todesfälle um 146% erhöht.

Australien-Visum ist noch immer Damoklesschwert

Ist doch ab und an unterwegs als Radioreporter in Australien: Dr. Bernd Merkel

Es scheint, als hätte Bernd mit seiner jetzigen Tätigkeit, seine Berufung gefunden und mit Australien, die Heimat, in der er leben möchte. Doch ist seine Zukunft in Australien ungewiss. Trotz seines Doktorstudiums, seines extremen und einzigartigen Fachwissens und seiner Position, die er bereits seit vier Jahren innehat und für die seine Firma ihn nun sogar sponsern möchte, ist sein Visum auf vier Jahre begrenzt.

Noch dazu musste er nach neun Jahren Aufenthalt in Australien und täglichen Fachgesprächen mit Wissenschaftlern und Mediziniern einen Sprachtest für sein neues Visum absolvieren.

Bei letzterem schnitt er übrigens schlechter ab, als vor neun Jahren, als der Deutsche zum ersten Mal in Australien einreiste. Noch gut erinnert er sich an die Frage: „Tell me about the last holiday where there was a lot of pollution?” Bernd kann sich ein Lächeln nicht verkneifen und zuckt die Schultern.

Momentan ist er erleichtert, dass er im Land bleiben kann. Doch im nächsten Jahr wird er sich Gedanken über seine Zukunft machen und muss eventuell eine Rückkehr nach Europa in Betracht ziehen. Kein permanentes Visum zu besitzen, schwebt wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf.

Übrigens, den Traum einer Rundfunk-Karriere hat sich der Wahl-Melbourner doch noch erfüllt. Zu hören ist Bernd Merkel im deutschen Programm auf TripleZZZ und ab und an auf SBS. Wir sagen Bescheid, wenn Bernd wieder das Mikrofon öffnet.

Text: Claudia Löber-Raab – Copyright: Deutsche in Melbourne 2021 – Fotos: Courtesy of Bernd Merkel – Kontakt und Anfragen: claudia@deutscheinmelbourne.net

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