Coming Out - Deutscher Film mit aktuellem Bezug kommt nach Melbourne

Marko Gebel von der German Kino Meet Up Gruppe bringt einen neuen deutschen Film nach MelbourneAufgepaßt, Fans deutscher Kinofilme! Nächsten Dienstag, 23. Juni, wird Marko Gebel, Inititator der German Meet Up Kino Gruppe in Melbourne, wieder einen deutschen Film in den Backlot Studios in Southbank zeigen. Aktueller hätte der Bezug dazu nicht sein können: Wird in Australien gerade über die Möglichkeit diskutiert, endlich eine gleichgeschlechtliche Eheschliessung zu legitimieren, geht es auch im Film "Coming Out" des deutschen Regisseurs Heiner Carow um gleichgeschlechtliche Liebe.

Der Film aus dem Jahre 1989, der in der damaligen DDR gedreht wurde, beginnt um 18:30 Uhr und wird mit englischen Untertiteln zu sehen sein. Warum Marko gerade diesen Film nach Melbourne bringt und wie man sich jetzt noch Tickets sichern kann, erfahren Sie hier.

Interesse an "Coming Out"-Premiere kurz vor Mauerfall 1989 unglaublich hoch

Allein das Datum der Premiere des deutschen DEFA-Films "Coming Out", der am kommenden Dienstag in Melbourne zu sehen sein wird, ist bemerkenswert: Genau am 9. November 1989 - also kurz vor dem Fall der deutsch-deutschen Mauer - flimmerte der Streifen im Ost-Berliner Kino International erstmalig über die Leinwand. Bemerkenswert ist auch das Thema: Der junge Lehrer Philipp, der gerade mit einer seiner Kolleginnen beginnt auszugehen, verliebt sich Hals über Kopf in einen anderen Mann. Doch im DDR-Alltag der 80er-Jahre ist Homosexualität alles andere als normal. Was Der ostdeutsche Regisseur Heiner Carow, dessen Film Coming Out jetzt in Melbourne gezeigt widdamit beginnt, ist eine Auseinandersetzung mit Vorurteilen und die eigene Angst, die Regisseur Heiner Carow feinfühlig in Szene und ihn als ersten und einzigen Film der DDR dieses Thema aufgreifen läßt.

Mit "Coming out" knüpft Carow dabei an seine in der ehemaligen DDR erfolgreichen Filme der 70er-Jahre an ("Die Legende von Paul und Paula", "Bis daß der Tod euch scheidet", "Die Russen kommen") und schafft damit einen Film, der gefühlvoll, mit Spannung und Ehrlichkeit für Verständnis und Toleranz gegenüber jeglicher Art von Anderssein plädiert. Interessanterweise war das Publikumsinteresse 1989 in der ehemaligen DDR so groß, dass eine Doppelvorstellung angesetzt werden musste. Vier Jahre nach der Premiere erwies auch die Filmwelt dem mutigen Werk seine: "Coming out" wurde auf der "Berlinale 1990" mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Deutsche in Melbourne sprach mit DiMler Marko Gebel über den Film, für den es hier Tickets gibt.

DiM: Marko, warum hast Du gerade diesen Film „Coming Out" gewählt?

Marko Gebel: Man könnte direkt denken, die derzeitige Debatte über gleichgeschlechtliche Eheschliessungen in Australien und Deutschland mit dem kürzlichen Volksentscheid in Irland hätte eine Rolle gespielt, aber dem ist nicht so. Es ist einerseits eine weitere Geschichte aus DDR-Zeiten erzählt in einem authentischen DEFA-Film aus dem Jahre 1989, das heißt nicht in der Nachbetrachtung als Rückschau.

Andererseits ist die Auswahl eine Erinnerung und Wertschätzung an den Regisseur Heiner Carow, der den Mut und die Beharrlichkeit hatte, in diesem starren und reglementierten System jahrelang für diesen Film zu kämpfen.

DiM: Was macht diesen Film so besonders?

Marko Gebel: Der Film ist ein Plädoyer für Toleranz weit über das Thema Homosexualität hinaus: Anders sein und Andersdenkend, ohne künstliche Sensationshascherei. Es ist der einzige Film über das Thema in der DDR überhaupt.
Coming Out wird in Melbourne als deutscher Film gezeigtHeiner Carow (Regisseur des DEFA Kultfilms „Die Legende von Paul und Paula" – letztes Jahr bei von der German Kino Meet Up Gruppe gezeigt), selbst schwul, begann mit den Drehbucharbeiten für den Film ohne Genehmigung und auf eigenes Risiko, aber auch mit viel List und Tücke.

Er bereitete sich gut auf die vorhersehbaren Verbots- beziehungsweise Verschleppungsversuche durch den DEFA-Direktor Mäde vor, indem er das Drehbuch von Rechtswissenschaftlern, Psychiatern und Soziologen begutachten liess und direkt vorm Politbüro bei Kurt Hager, dem Kulturverantwortlichen der SED, vorsprach. Dann endlich war Premiereabend, am historischem 9. November 1989 – ja genau, in der selben Nacht sollte die Berliner Mauer fallen! Das große „Coming Out" der ganzen DDR-Gesellschaft sollte folgen. Viele Schauspieler sind übrigens „echte" schwule und lesbische Laiendarsteller, die sich quasi selbst spielen.

Film thematisiert nicht nur "Randgruppen", sondern generell Ausbrechen aus Norm

DiM: Wie kam der Film beim Publikum an?

Marko Gebel: Der Lieblingsfilm von Heiner Carow mußte an diesem 9. November 1989 im Ost-Berliner Kino International wegen des großen Andrangs gleich zweimal gezeigt werden. Dem Regisseur gelang ein Riesenerfolg. Der Schauspieler Mathias Freihof, der die Hauptrolle imDie German Kino Meet Up Gruppe zeigt immer wieder deutsche Filme in Melbourne Film spielt, erklärte in einem Interview 2009 den Erfolg damit, dass es eben um mehr als nur das Thema von Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren geht.

Vielmehr ginge es um das Ausbrechen aus der „Norm" in einem Staat, in dem das sozialistische Kollektiv nach Ansicht der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), bitteschön im Gleichschritt zu gehen hatte. Insofern ist dieser Film kein „Randgruppenfilm" für Schwule und Lesben, sondern spannt den großen Bogen wie wir mit Andersdenkenden umgehen. In den Revolutionstagen der Premiere im Herbst 1989 war das Thema somit in der DDR hochaktuell und wurde vom Publikum ebenso verstanden. Der Film gewann 1990 dann schon in dem zusammen wachsenden Berlin auf der Berlinale den Silbernen Bären.

Ehemalige DDR nach außen fortschrittlicher als ehemalige Bundesrepublik

DiM: Gab es offiziell Homosexualität in der DDR?

Marko Gebel: Rein rechtlich, also ich betone auf dem Papier, war die DDR sogar fortschrittlicher als die alte Bundesrepublik. Der berühmte §175 des Strafgesetzbuches noch aus Reichstagen seit 1871 der „homosexuelle Handlungen" unter Strafe stellte, wurde im Osten bereits 1968 abgeschafft, während er in der alten BRD erst 1994 also nach der Wiedervereinigung gestrichen wurde.

Coming Out - der erste und einzige Film der DDR, der sich mit Homosexualität beschäftigte, wird jetzt in Melbourne zu sehen seinDas heißt ganz absurd, daß die fünf neuen Bundesländer vier Jahre lang innerhalb Deutschlands (1990-1994) homosexuellen Paaren quasi Asyl gewähren konnten. Doch wie sah es im Alltag aus? War die DDR ein Paradies für Homo-Paare? Weitgefehlt, die Gesellschaft war abweisend und hartherzig. Logisch gedacht, wieso sollte es Schwulen und Lesben in diesem Unterdrückungsstaat, der alle unter Beobachtung stellte, die irgendwie „aus der Reihe tanzten" - ob nun als Punker, Rocker oder Oppositioneller - in ihrer speziellen Andersartigkeit anders gehen.

Die Betroffenen hatten keine offiziellen Kneipen und Clubs wie im Westen, wo man sich offen traf, sondern vieles fand im Verborgenen statt. So mutierten Gaststätten mit homosexuellen Mitarbeitern in der Schönhauser Allee in Berlin, wo tagsüber der Spiesser mit seiner Familie Schweinebraten mit Knödel aß, in der Nacht hinter verdunkelten Fenstern zur inoffiziellen und heimlichen Schwulen-Kneipe. Homosexualität wurde offiziell toleriert, aber in der Realität herrschte ein Klima der Ausgrenzung nach dem Motto, „Bitte nicht bei uns und in der Öffentlichkeit!" Totschweigen war die Devise von Staat und Gesellschaft.

DiM: Gibt es bereits Pläne für weitere deutsche Filme, die Du nach Melbourne holen wirst?

Marko Gebel: Auf jeden Fall soll der nächste Film dann wieder ein jüngerer Deutscher Film sein, eventuell Komödie oderHervorragender Erfolg des letzten deutschen Films, der in Melbourne von der Meet Up Gruppe gezeigt wurde, Stromber, der Film Drama. Da wir jedoch immer von Event zu Event, de facto „on demand" planen, und die Auswahl auch von vielen anderen Faktoren wie Kosten und Verfügbarkeit mit Untertiteln abhängen, können wir noch keine konkrete Aussage machen. Aber wir laden unsere Gäste jederzeit ein Vorschläge zu machen, der letzten erfolgreiche Event mit STROMBERG, der, war übrigens ein Vorschlag aus der Meetup Gruppe!

DiM: Vielen Dank und viel Spass am Dienstag! Wir sind dabei!

In einer kurzen Einführung in den Film werden Marko Gebel und als Ehrengast, der australische Filmkritiker Peter Krausz, der auch das Goethe-Filmfestival betreut, wie immer viel interessante Fakten zum Film präsentieren. Nach der Vorführung ist Zeit, über den Film zu diskutieren.

Fotos: Courtesy of Marko Gebel, Potsdam Filmarchive, www.globalcinemas.eu