Melbournes Abbotsford Convent: Vom Kloster zur Eco- und Künstler-Hochburg

Kultur- und Begegnungszentrum Abbotsford ConventMelbournes Abbotsford Convent: Einst Zuflucht für Melbournes "gefallene" Mädchen, heute ein Ort für Fortbildung, Begegnung und Kunst mit Märkten, Konzerten, Cafés, Ausstellungen und Seminaren. Wir stellen ihn vor.

Jeden Tag Kunst, Kultur und Community

Ein beliebiger sonniger Sonntag nachmittag in Abbotsford, Melbourne: Scharen strömen die St. Heliers Street hinunter, um vier Kilometer entfernt vom geschäftigen CBD - Melbournes Stadtzentrum - bei strahlendem Sonnenschein grünste Natur, süßes Landleben, samstag- und sonntäglich wechselnde Märkte - von Melbournes vielgelobten Farmers Market bis hin zum innovativen Designermarkt "Shirt and Skirt" oder wie am kommenden Samstag von 9 bis 15 Uhr dem Vegan Market, Musik, Mode, Kultur und Wellness pur, samt interessanter Küche, kühle Getränken und natürlich den Konvent zu genießen.

Direkt neben der Collingwood Children Farm und dem Yarra Bend Park gelegen, öffnet sich der stolze Abbotsford Convent mit seinen elf historischen Gebäuden, in denen sich heute Künstler, Musiker, Health Practitioners, Lehrer, Gastronomen und Galleristen sowie sozial engagierte Geschäftsleute tummeln. Schier unglaublich ist der riesige, 6,8 Hektar große Park, in den sich idyllisch gewunden der Yarra einfügt, und der täglich von 7.30 bis spät in die Nachtstunden für seine weltlichen Besuchern geöffnet ist.

Biker und Hippies, Künstler und Familien

Im Konvent wuselt's. Drei Motorradfahrer in schwarzer Lederkluft sitzen an Tischen im Biergarten unter grünen Bäumen direkt neben reichlich gepiercten Hippies mit langen Rasta-Locken, selbstgestrickten Ringelstrümpfen, orangefarbenen Baumwollhosen und Batik-T-Shirts.

Cafes und Restaurants im Abbotsford ConventDie Band auf der Terrasse vor dem Restaurant "Lentil as Anything" und der "Convent Bakery" spielt jazzigste Jazzmusik während ein älterer Herr, der sich an die Food Stalls, die im italienisch anmutenden Rossini Courtyard aufgebaut sind, verirrt hat, ein wenig orientierungslos fragt, wo denn der Antikmarkt stattfindet. Eine dynamische Mitdreißigerin, mit Latte-Becher in der Hand, schickt ihn in Richtung Konventgebäude und fragt, ob er nicht zufällig das Konvent-Büro gesehen hat, von dem aus gleich die Führung durch den ungewöhnlichen Ort losgeht.

Hat er tatsächlich, und die zwei schlendern gemeinsam davon, vorbei an jungen Familien mit Picknickdecken im Gepäck und einer Gruppe Fahrradfahrer in professionell sportlichen Trikots, die ihre Räder in Richtung Cafée schieben.

Zentraler Platz in Melbourne 2030 Vision

Der Abbotsford Convent ist ein einzigartiges Kunst-, Kultur-, aktives Begegnungs-, Fortbildungs- und Gemeindezentrum für Jung und Alt, für große und kleine Melbourner. Ein Zentrum, in dem Handwerker ein und aus gehen, um es zu renovieren und restaurieren, um den Zahn der Zeit, der an ihm genagt hat, zu beseitigen und noch mehr Künstler, Musikern, Gemeindegruppen und Besuchern Platz für Kreativität zu gewähren.

Stadtplanner haben den Konvent zu einem der drei grossen "Activity Centres" in ihrer Melbourne 2030 Vision auserkoren und große Pläne für den Komplex geschmiedet. Heute schon gibt es ein riesiges Wellnesscenter, etliche Büros von gemeinnützigen Vereinigungen, Künstlerateliers, Cafés, Restaurants, einer Convent Bäckerei und Melbournes Sophia Mundi Steiner Schule - um nur einige Institutionen zu nennen.

Zuflucht für "gefallene" Mädchen und Frauen in Armut

Dabei hat vor gut 150 Jahren alles ganz anders angefangen: Mit einem Brief des Bischofs von Melbourne, James Goold, an die Schwester Generaloberin des "Guten Hirten" Ordens im französischen Anger. Wäre es ihr möglich, einige ihrer Schwestern nach Melbourne zu entsenden, fragte Goold an, der später Melbournes erster Erzbischof werden sollte. Das Schicksal einer beängstigend rasch steigenden Zahl junger Mädchen und Frauen, die an den Rand der Gesellschaft in Verachtung und Armut gestoßen waren und ihren Lebensunterhalt mit Diebstahl oder gar Prostitution verdienen mussten, gab ihm Anlass zu großer Sorge.

Original Fenster: Maria Magdalena Kein Wunder: Goolds Melbourne war eine Stadt im Goldrausch mit all seinen Höhen und Tiefen: Einer Bevölkerung, die explosionsartig von wenigen 100 auf 11.000 angestiegen war, ohne dass die Stadt sie ausreichend beherbergen und versorgen konnte. Ein Melbourne, dessen Männer sich in Scharen aufmachten, um das große Glück zu finden und Frauen und Kinder in dem ohnehin harten, kargen Stadtleben meist mittellos zurück ließen. Eine Stadt, in der Reichtum ebenso wie Elend wuchs und mit ihnen die Zahl der Frauen und Mädchen, die sich vor Gericht verantworten mußten. Meist landeten sie im Gefängnis oder sogenannter "staatliche Verwahrung".

Bischoff bat Schwestern des "Good Shepherds" um Hilfe

Um ihnen zu helfen, hoffte Bischof Goold auf die Hilfe der Schwestern des "Guten Hirtens", des "Good Shepherds". Nur wenige Jahre zuvor von Schwester Marie Euphrasia Pelletier gegründet, setzten sich die Nonnen vor allem für das Wohlergehen von "gefallenen" jungen Mädchen und Frauen ein.

Goold hoffte nicht vergeblich: Am 24. Juni 1863 trafen vier junge, irische Nonnen aus Frankreich in Port Melbourne ein, um in Abbotsford einen Convent zu gründen, der in wenigen Jahren sage und schreibe über 1200 Mädchen und Frauen Zuflucht und Arbeit geben sollte. In der Pferdekutsche des Bischoffs machten sich die vier Schwestern in weißer Tracht mit schwarzer Haube auf, um ein geeignetes Gebäude zu suchen. In Abbotsford wurden sie fündig und kauften sowohl Abbotsford Haus als auch das benachbarte St. Heliers. Den reichen Besitzern war das einst ländliches Abbotsford zuwider geworden, denn mit der wachsenden Industrie hatten sich mehr und mehr einfache Arbeiter in ihrer Nähe niedergelassen.

Geschäftstüchtige Nonnen

Große Geldsummen trieben die jungen Nonnen auf, ließen unter anderen das faszinierende Convent Building im unverkennbar französisch gotischen Stil erbauen, und eröffneten geschäftstüchtig - wie viele Nonnen des "Good Shephards"-  eine Wäscherei, in der sie und ihre Schützlinge arbeiteten und die rasch zu florieren begann.

Cafe im Convent"Die gesamte katholische Kirche Melbournes zählte zu ihren Kunden, die reichen katholischen Familien und auch diejenigen, die im ländlichen Victoria wohnten und deren Wäsche per Zug verschickt wurde," erzählt Janet, unsere Touristenführerin. Wie ihr Kollege Clive, gehört sie zu den unzähligen ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen, die den prächtigen Konvent vor einigen Jahren vor dem Abbruch-Hammer gerettet haben.

Einem modernen Apartmentkomplex sollte er weichen und über 140 Jahre Geschichte, an der Melbourne nicht gerade reich ist, einfach ausgemerzt werden. Als die Abbortsford Convent Foundation das Gelände 2004 übernahm, war nicht nur der Park haushoch mit Blaubeerbüschen und Unkraut überwachsen. Dächer leckten, Wände drohten einzustürzen, der Konvent war verwahrlost.

Vom Mädchenhaus zur modernen WG

Die Nonnen hatten in den 70er Jahren erkannt, dass ihre Arbeit mit "auf die schiefe Bahn geratenen Mädchen", nicht mehr zeitgemäss war. Sie gründeten daher kleinere, modernere Wohngemeinschaften, in denen die Mädchen betreut wohnten. 1975 verkauften sie den größten Teil des Konvents, behielten jedoch ihre Kirche und ließen ein Seniorenheim bauen, in dem noch heute einige der Nonnen wohnen.

Gelände des Abbotsford ConventJanet und Clives Führung ist voller Anekdoten. Hier, so zeigen sie, habe das Auto der Nonnen gestanden. Die frommen Damen hatten es in einer Lotterie gewonnen, und waren nun gezwungen, die Hauben der Schwesterntracht abzuändern. Mit der alten Haube konnten die Nonnen nur geradeaus schauen, was ein umsichtiges Autofahren unmöglich gemacht habe, lachen die beiden Fremdenführer.

Doch Gitter vor Fenstern der Mädchenquartiere zeugen noch heute vom strickten Regiment, das im Konvent herrschte. Nicht selten versuchten die Mädchen zufliehen, erzählt Janet, und erinnert daran, dass quasi die einzige Tür zur Außenwelt, die Tür war, durch die die Wäsche an- und ausgeliefert wurden.

Erinnerungen kehren zurück

Janet, eine ehemalige Lehrerin, erzählt von der Mutter, die ihre beiden Töchter zu den Nonnen brachte, nachdem ihr Mann verstorben war und sie sie nicht mehr ernähren konnte. Eines der Mädchen, kehrte als erwachsene Frau in den Konvent zurück als Janets Tourgast, ergriffen von ihren Erinnerungen an den Tag, an dem die Mutter, inzwischen neu verheiratet, sie endlich wieder zurück zu sich holte.

Eine andere heute erwachsene Frau wurde von ihrem jetzigen Mann zurück an den Ort gebracht, zu dem sie einst ein Melbourner Gericht verwies als Strafe für ihr Weglaufen von Zuhause. Ihr Mann, so Janet, wünschte sich, sie solle Frieden schließen mit ihren Erinnerungen an den Konvent und zur inneren Ruhe kommen. Eine Hoffnung, die sich erfüllte, und auch zeigte, wie einfühlsam die Nonnen sein konnten: Sie bestanden darauf, dass die Feindseeligkeiten zwischen Stiefvater und Stieftochter, Grund für das Ausreißen, in ihrem Beisein begraben und eine Lösung für ein gemeinsames Familienleben gefunden wurden, erzählte das einstige Konventmädchen.

Convent Bakery backt wieder

Konventguides Clive und Janet mit Schwester Good and ShepardKönnte er reden, so hätte er viele Geschichten zu erzählen, der Abbotsford Convent, dessen Räume begehbare und lebendige Geschichte sind. Ob es die Paneele der großen Holztüren sind, die die Schwestern eigenhändig verziert haben, damit sie der Holzzeichnung der Bäume in ihrer europäischen Heimat ähneln und damit ihre Heimweh besiegten. Oder die großen holzgefeuerten Öfen, in denen die Nonnen einst Brot backten und kochten und aus denen heute die Convent Backery wieder leckeres Gebäck hervor zaubert.

Wer den Abbotsford Convent betritt, der merkt, der Ort ist etwas ganz Besonders. Um so erfreulicher sei es, so Janet, dass heute die Bedeutung wiedergewonnnen hat, die er für seine ursprünglichen Bewohner hatte: Schon die Wurundjeris und Bunerung nutzten ihn, um sich zu treffen, ihr Wissen auszutauschen und an Jüngere weiter zu geben und wichtige Zeremonien zu feiern. Gut zu wissen, dass ihre Tradition fortgesetzt wird.

Weitere Info gibt es auf der ausführlichen Webseite des Convents, auf der auch die Restaurants und Cafées, sowie zahlreiche der Künstlerstudios und die Einrichtungen für "Small Community Businesses" genannt sind:

www.abbotsfordconvent.com.au

Adresse: 1 St. Heliers Street, Abbortsford, Victoria 3067

Infos zur Anfahrt: www.abbotsfordconvent.com.au/visitor

Telefon: (03) 9415 3600

Öffnungszeiten: täglich 7.30 bis 22 Uhr