Aus Tausenden gewählt: Hannah & David Ritlewski Ballkids bei den Australian Open

Hannah und David Ritlewski sind zwei deutsche Ballkids bei den Melbourner Australian OpenTausende Jungs und Mädchen bewerben sich jedes Jahr als Ballkids für die Australian Open in Melbourne. Einzig 350 werden angenommen. 2018 sind zwei deutsche dabei: Hannah und Daniel Ritlewski, deren Vater Daniel Hamburger und Mutter Alison Melbournerin ist, haben es geschafft!

 

Tausende von Bewerbungen 

Sommerzeit, Ferienzeit! Doch während andere Kids die Gelegenheit nutzen, bis in die Puppen zu schlafen, klingelt bei Hannah Ritlewski (14) und ihrem Bruder David (12)  in Melbournes Stadtteil Mount Waverley um 6 Uhr früh der Aus Tausenden ausgewählt: Hannah und David Ritlewski, Kids von Daniel Ritlewski (Deutscher) und Allison (Australierin) sind Ballkids gewordenWecker. Ein Grund, sich murrend umzudrehen oder sich völlig mißmutig aus dem Bett zu quälen? Keinesfalls! Die Geschwister sind ruck, zuck hellwach, ziehen ihre orangen Shirts und dunkelblauen Shorts an, schlüpfen in ihre blendend weißen, nagelneuen Turnschuhe, frühstücken, machen sich fertig und dann geht´s los in Richtung Rod Laver Arena!

Hannah und David haben es geschafft, Ballkids bei den Australian Open 2018 in Melbourne zu sein. Das erste Grand Slam Tournament der Saison wird offiziel am Montag, 15. Januar, beginnen und mit dem Finale der Herren am Sonntag, 28. Januar, enden. 2500 Jungs und Mädchen haben sich aus ganz Australien dafür beworben, Balljunge oder Ballmädchen zu werden. Einzig 350 haben es geschafft. Unter ihnen sind 28 internatinonale Ballkids, die traditionell aus Frankreich, China und Süd-Korea anreisen, sowie die in Frankfurt geborene Hannah und ihr in Melbourne zur Welt gekommener Bruder David.

Ballmädchen bereits zum zweiten Mal

"My mum says Hannah is her "Apfelstrudel" and David her "Aussie meat pie," lacht Hannah und Davids Mutter Alison. Die Australierin hat ihren deutschen Mann Daniel 1999 in Melbourne kennengelernt und mit ihm insgesamt sechs Mama Allison, die ihren deutschen Mann Daniel in Melbourne kennenlernte, ist stolz auf ihre Kids Hannah und DavidJahre in Deutschland gelebt, bevor die Ritlewski sich nach einigen Jahren in Japan wieder in Melbourne niedergelassen haben. Von Papa Daniel haben David und Hannah vermutlich auch ihre Liebe zum Tennis. Der Senior Manager für Collaboration and Partnership an der Swinburne University of Technologzwar einst in Hamburg Tennis Coach.

"Ich habe mit dem Tennisspielen angefangen als ich sechs war," erklärt David. Hannah war acht, als sie den ersten Tennisschläger in der Hand hielt. Seitdem liebt sie Tennis. Ihre Idee war es auch, sich als Ballmädchen zu bewerben. Und das bereits vor zwei Jahren Anfang 2016, denn im Gegensatz zu David wird Hannah 2018 bereits zum zweiten Mal als Ballkid bei den Australian Open dabei sein. Das hat der 14-Jährigen jedoch nicht ein erneutes, rigoroses Auswahlverfahren erspart.  "Ich habe mich wie David Anfang 2016 online bewerben müssen," erzählt sie. Als den Gutachtern das Profil der beiden jungen Ritlewskis positiv auffiel, ging es für die beiden in die zweite Runde.

Wird der Traum, den so viele träumen, wirklich wahr?

"Wir mußten dann auf einem Tennisplatz zwei Stunden Bälle rollen, fangen und werfen," erinnern sich die beiden. Das alles passierte unter den strengen Augen einer Jury, die, wie Allison vermutet, auch darauf achtete, dass die Jungs Nur wenige Geschwister haben es geschafft, bei den Australian Open als Ballkids dabei zu seinund Mädchen geschickt und schnell Instruktionen umsetzen konnten. 

Dann hieß es für die Ritlewskis einge Wochen warten bis letztlich die Entscheidung kam, dass beide Kinder eine Runde weiter in das sogenannte "Train on Squad" gekommen waren. Fünf Tage Ballkid-Training innerhalb fünf Monate hatten die Geschwister zu absolvieren - ohne Garantie übrigens, dass der Traum von Tausenden von Jungs und Mädchen Wirklichkeit werden würde. Aus Korea, so ist den beiden Ritlewskis gesagt worden, wären beispielsweise rund 4000 Bewerbungen eingegangen.

Freudensprünge hoch in die Luft und Sprachlosigkeit vor Freude

Die in Frankfurt geborene Hannah Ritlewski ist bereits zum zweiten Mal als Ballkid bei den Melbourner Australian Open dabeiUmso höher ist Hannah gesprungen aus Freude über die gute Nachricht, die Papa Daniel an einem Abend im November verkünden konnte! Geschafft! Beide - sowohl Hannah als auch David hatten eine der begehrten Positionen als Ballkids ergattern können. "Hannah was absolutely over the moon," erinnert sich Allison, die als Clinical Coder für Monash Health arbeitet, lachend. Und David? "Ich war sprachlos. Ich hab es nicht glauben können und immer wieder gefragt: Wirklich? Wirklich? Und dann hab ich fast geweint. So sehr hab ich mich gefreut,"  erinnert er sich und seine Augen strahlen noch immer. Das stundenlange Rollen gelber Tennisbälle im Korridor des Ritlewskischen Hauses, das monatelange Werfen und Fangen im Garten und das Schauen der unzähligen Schulungsvideos für angehende Ballkids hatte sich also ausgezahlt. 

Im Dezember kamen Hannah und David bei den Qualifikationsspielen dann zum ersten Mal in der neuen Saison zum Einsatz. "Ich war ganz nervös," gesteht David. "Ich war erst am Netz und habe dann hinten an die Grundline gewechselt." 45 Minuten voller Konzentration und absoluter Körperbeherrschung waren von ihm gefordert. "Das war anstrengend und ich hatte Muskelkater, weil ich an der Grundline ganz gerade und still stehen musste," meint er. Ein Zuckerschlecken ist das Ballkind sein nicht unbedingt.

Schwitzen bei Temperaturen über 40 Grad und blutige Finger

Besonders nicht bei Temperaturen von über 40 Grad, so wie sie im vergangenen Jahr geherrscht haben. Hannah: "Ich bin einmal fast in Ohnmacht gefallen." Trinken dürfen die Ballkids während des Spiels nicht, allerdings werden dieVegemite sponsort in diesem Jahr die Outfits der Ballkids bei den Australian Open Einsatzzeiten, wenn es zu heiß ist, auf 30 Minuten reduziert. Blutige Finger können ebenfalls zum Alltag der Ballkinder gehören. Beim Rollen der Bälle schaben die Finger oft über die rauhe Oberfäche der Plätze bis die Haut verletzt ist. "Ich habe dann die Idee gehabt, die Finger mit Pflastern zu schützen. Das ging," erzählt die High School Schülerin.

Beim Rollen kommt es übrigens darauf an, so gut wie möglich zu zielen und dem Ball den richtigen Anschwung zu geben. Ist er zu schnell, springt er womöglich hoch. Ist er zu langsam, gelangt er nicht ans Ziel. Beim sogenannten Serving, dem Zuwerfen der Bälle zu den Spielern, ist es unter anderem wichtig, den Kopf gerade und den Arm im richtigen Winkel ausholen zu lassen, erklärt David. Und: "Man muß immer voraus denken und sich fragen, was als nächstes passieren kann. Man sollte auch nicht zögern, sondern sofort handeln."

Handtücher der Tennisspieler müssen besonders gefalten werden

Sind freudig aufgeregt, als Ballkids bei dem ersten Grand Sam Tournament der Saison in Melbourne mitzuhelfen: Hannah und DanielDas ist manchmal leichter gesagt als getan. Obwohl es vereinbarte Zeichen gibt, die den Balljungs und -mädchen signalisieren sollen, was der Tennisspieler oder die Tennisspielerin möchte, kann es in der Hektik des Spiels sein, dass ein Handzeichen nur angedeutet ist. "Dann weiß man nicht genau, ob man jetzt das Handtuch bringen soll oder nicht," sagt Hannah. Oder aber Blicke, die einem zugeworfen werden, sind nicht eindeutig zu interpretieren: Möchte der Spieler einen Ball oder überlegt er nur eine neue Taktik?

Apropos Handtuch: Das muss in einer bestimmten Reihenfolge gefaltet werden, wird es wieder auf den Stuhl gelegt, berichtet Hannah, und David fügt hinzu: "Und man darf die Sponsoren nicht verdenken. Die zahlen nämlich eine Menge Geld." Allerdings nicht unbedingt an die Ballkids. Für die gibt es zwar jeden Tag $23, aber die können lediglich fürs Essen auf dem Australian Open Gelände ausgeben werden. Ansparen geht nicht. Wird der Betrag, der auf den Plastikchip der Ausweise der Ballkids geladen ist, nicht ausgegeben, so verfällt er am Ende des Tages. Doch bei Preisen wie $5 für einen Schokoriegel oder $14 für Pasta dürfte ehe nicht viel übrig bleiben.

Dienst kann bis tief in die Nacht andauern

Das Essen können sich die Kids in ihrer 45-minütigen Pause nach jedem 45-minütigen Einsatz kaufen. In der Regel sind sie solange auf "ihrem" zugeteilten Tennisplatz eingespannt, bis dort alle Spiele beendet sind, was schon mal 18 Ballkids1 08bis tief in die Nacht dauern kann. "Dann wird versucht, uns am nächsten Tag nicht gleich wieder ganz früh einzusetzen," erklärt Hannah. Die Ballkids bekämen ihre Dienstzeit erst am Abend zuvor mitgeteilt, sagt sie. Für welchen Platz sie zuständig sind und welche Spieler oder Spielerinnen sie zu betreuen haben, würden sie erst bei Dienstantritt erfahren. Hannah und David hätten übrigens nichts dagegen, Roger Federer und Angelique Kerber die Bälle zu zu werfen. Die sind nämlich die absoluten Lieblingsspieler der beiden.

Im vergangen Jahr hatte Hannah das Glück, Ballmädchen beispielsweise für Jo Wilfried Tsonga, Pat Cash und Goran Ivanisevic zu sein. Und obwohl sie nach zwei Wochen Einsatz, Muskelkater hatte und absolut müde war, fand sie die Erfahrung bei den Australian Open zu helfen, genial: "Es ist toll, so nah bei den Spielern zu sein. Das ist eine ganz andere Perspektive und eine gute Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen. Und man macht jeden Tag viele neue Freunde."

Hannah Ritlewski: Melbourner Ballkids lernen "Skills for Life"

Die Australian Open 2018 werden Hannah und David Ritlewski in Melbourne besonders in Erinnerung bleibenGenerell sei sie selbständiger, besser organisiert und auch selbstbewußter geworden, meint Hannah: "Ich mußte zum Beispiel alle Züge selbst heraussuchen, damit ich am nächsten Tag pünktlich bin und ich habe mehr mit anderen Menschen gesprochen." Allison pflichtet ihrer Tochter bei: "Her life and organisational skills have definitely improved. She became more responsible and reliable." Auch von David erwarten Alison und Daniel, dass er selbst dafür sorgt, zur richtigen Zeit an Ort und Stelle zu sein. Sind die Einsätze der Kinder allerdings zu spät, dann holen die Eltern sie ab.

Die Waschmaschine wird bei den Ritlewskis übrigens während der nächsten zwei Wochen konstant im Einsatz sein: "They only have two pairs of white socks, two shirts and shorts," lacht Allison. Mehr als die Wäsche beschäftigt David und Hannah allerdings die Frage, welchen Spieler oder Spielerin sie anfeuern, wenn ein Deutscher gegen einen Australier spielen sollte? Die beiden schauen sich an, beratschlagen und verkünden dann ausgesprochen diplomatisch: "Es kommt auf die Spieler an und notfalls cheeren wir für beide!" Bravo!

Text: Claudia Löber-Raab,  Fotos: Claudia Löber-Raab bis auf Foto 2 und 4: Courtesy of Ritlewski-Family