Zwei Kulturen, zwei Welten: Das deutsche und australische Umkleideraum-Konzept

Deutsche in Melbourne sind schon ein wenig kompliziertWir Deutschen - als kollektives Stereotyp - sind schon ein wenig gewöhnungsbedürftig mit unseren Gepflogenheiten. Claudia Löber-Raab von Deutsche in Melbourne denkt da besonders an Verhalten in Umkleideräumen. Schon mal aufgefallen?

Deutsche verwirren mit Strich und Komma

Zugegeben: Wir Deutsche sind schon ein Völkchen für sich! Mit unserem waagerechten Strich durch die Nummer 7 verwirren wir nicht nur Mathematiker. Ebenso mit unserer Angewohnheit die Zahl 72.927 mit einem Punkt zu Einige deutsche Worte sind nicht leicht ins Englische zu uebersetzenschreiben und nicht mit einem Komma, wenn wir nun mal zweiundsiebzigtausendneunhundertsiebenundzwanzig meinen und nicht 72,927 als zweiundsiebzig Komma neun zwei sieben. Wir benutzen ein schwer ins Englisch zu übersetzende, ominöses "doch", wenn wir etwas widersprechen, das zuvor gesagt wurde. "Du trägst keine Lederhose, also bist Du kein Deutscher." - "Doch!" Oder wir nutzen es gar als Füller, von dem wir als Muttersprachler die Bedeutung wissen, aber nicht mal so eben aus der Lamäng erklären können. Beispiel: "Komm doch mal vorbei!" Hmm ...

Und dann unsere Neigung fünf Minuten früher als pünktlich zu einen Termin aufzutauchen, weil pünktlich ja eigentlich schon zu spät ist. Von unserem ausgekügelten System zu recyclen will ich gar nicht erst anfangen: Plastik, Glas und Papier in eine einzige gelbe Tonne - zusammen? Das geht ja eigentlich gar nicht, oder? Wobei wir schon beim nächsten Punkt sind - dem angehängten Wörtchen "oder", das einen Aussage- in einen Fragesatz verwandelt. Oder haben Sie schon einmal einen englischsprachigen Muttersprachler sagen gehört: "You wanted to eat now, or?" für "Du wolltest doch jetzt essen, oder?"

Duschen mit oder ohne Badehosen? Vor- oder/und nachher? 

Und dann ist da noch unser Benehmen in der Umkleidekabine: Nicht nur, dass wir uns komplett ausziehen, wenn wir nach dem Schwimmen duschen. (Ja, wir Deutschen im kollektiven Stereotyp-Zustand ziehen Badeanzug und Das Verhalten in einer australischen Umkleidekabine ist anders als in einer deutschenBadehose in der Regel aus, um uns das Chlor von der Haut zu waschen, wenn wir unsere Bahnen geschwommen haben. Übrigens duschen wir in Deutschland auch vor dem Schwimmen - kleine Randbemerkung!)

Wir haben auch keine Probleme damit, im Evakostüm - wie meine Oma das immer nannte - mit Kopftuch um die nassen Haare geschlungen von der Dusche aus in den Umkleideraum zu schreiten und uns dort anzuziehen - uns also nackig zu zeigen.

Unser Handtuch haben wir dann nicht um den Körper geschlungen, sondern um die nassen Haare, damit sie schneller trocknen und wir Energie sparen beim Fönen, das wir so verkürzen. Ausserdem ist es einfach praktischer die nassen Haare aus dem Weg zu haben, wenn wir uns anziehen und sie a) beispielsweise nicht in den Reisverschluß am Rücken unseres Kleides eingeklemmt werden oder b) unsere trockene Kleidung nass machen! Logisch, oder?

Ja nicht das Handtuch verrutschen lassen!

Und besonders in Hochbetriebszeiten im Schwimmbad oder im Fitnesscenter sehr wichtig: Ziehe ich mich in der Umkleide und nicht in der Duschkabine um, habe ich a) nicht nur mehr Platz, sondern b) mache ich die Dusche schneller frei für andere, die draussen warten! Auch das einleuchtend, oder?

Fakt ist: Für Deutsche ja - und ich vermute mal für Österreicher und Schweizer in Melbourne ebenso. Nicht unbedingt aber für Australier im kollektiven Stereotyp-Zustand! Haut zeigen in der Frauenumkleide unter Frauen? Hmmm ... Da mag der Körper noch so gut trainiert sein, wenn es um's Umziehen vor anderen Frauen geht, werden die Verrenkungen, um ja nichts aufblitzen und das Handtuch nicht verrutschen zu lassen so abenteuerlich, dass eine Katastrophe fast vorprogrammiert ist.

Das Leben kann so herrlich einfach sein

Passiert ist dies dann tatsächlich heute morgen: Während ich meine Haare föne und meine Augen auf den Spiegel fixiert sind, kommt eine meiner Fitnessmitstreiterinnen in zwei (!) Handtücher geschlungen aus der Dusche - ein Beide Kulturen - die deutsche und die australische - können von einander lernenHandtuch ist um ihre Haare gewickelt, das andere um ihren Körper. Höflich versuchen wir uns gegenseitig nicht anzuschauen, und so nehme ich nur aus den Augenwinkeln im Spiegel ihre Versuche wahr, in ihren engen Rock zu schlüpfen und gleichzeitig sowohl ihr Handtuch als auch die Balance zu halten. Das schlägt fehl und Rock, Handtücher und ihre Besitzerin landen auf dem Boden.

Ich dreh mich um und wir müssen beide lachen. Passiert ist nichts, alle Knochen heil! "You would think that doing box jumps in the gym's dangerous, not getting dressed in the change room," lacht sie und ich stimme lachend zu. Das Leben kann so herrlich einfach sein, wenn man einfach mal über seinen Schatten springt! Ich werde heute mal nicht stressen und einfach pünktlich zu meinem Termin erscheinen. Hat halt alles, was wir machen, seine kulturellen Vorteile, oder?

Text: Claudia Löber-Raab,