Claudia Löber-Raabs Wochenende in Melbourne verlief anders als geplant

Ist Ihr Wochenende schon mal komplett anders verlaufen als geplant? Das ist Claudia Löber-Raab von Deutsche in Melbourne jetzt passiert. Allerdings hat sie dafür etwas gefunden, was sie nicht gesucht, aber umso mehr wertgeschätzt hat: Mindfullness-Momente. Derzeit großes Thema überall ...

Aus den Fugen geraten

Hatten Sie ein schönes Wochenende? Haben Sie gerade gestutzt, weil das Wochenende schon ein bißchen her ist und Sie diese Frage normalerweise am Montag gestellt bekommen? Naja. Mein Wochenende war eben irgendwie anders. Irgendwie aus den Fugen Claudia Löber-Raab freut sich auf Wochenende in Melbournegeraten. Es hat sich sogar entzerrt und plötzlich ist dabei der Montag verschwunden. Wie das gekommen ist? Gute Frage! Normalerweise bin ich jedes zweite Wochenende kinderfrei. Dann sind meine drei Söhne bei ihrem Vater, meinem Ex-Mann. Freitag am späten Nachmittag beziehungsweise am Abend atme ich dann so richtig tief durch, strecke mich - und dann geht´s los: ans Abarbeiten meiner To-Do-Liste oder besser gesagt meinen To-Do-Listen.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass auf einer effektiven To-Do-Liste nicht mehr als sieben Items stehen sollen, sonst überwältigt sie einen und man fängt erst gar nicht an, sie zu bearbeiten. Seitdem habe ich nicht nur eine, sondern mehrere To-Do-Listen: eine für Deutsche in Melbourne, eine für Bücher und Essays, die ich lesen will, die dann wiederum unterteilt ist in "work related" und "private". Eine für meine Steuererklärung und andere finanzielle Notwendigkeiten, eine für Arbeiten rund ums Haus, eine für Arbeiten im Garten, drei für alle Anliegen meiner Kinder, eine für alle Dinge, die noch irgendwo auf eine der Listen müssen. Ich denke, Sie verstehen mein Konzept.

Alles muss ins "freie" Wochenende passen

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Mit anderen Worten, mein kinderfreies Wochenende ist proppenvoll gestopft. Aber erholen muß ich mich auch noch für die zwei Wochen mit Kids und Kegel, die folgen. Und außerdem bin ich fest entschlossen, meine etwa 54-stündige "Freitag-Abend-Samstag-Sonntag-Freiheit" für mein ziemlich spärliches Privatleben auszunutzen. Denn, obwohl ich getestet und bewiesen introvertiert bin, fühle ich mich ab und an erstaunlich gesellig. Ich bin sogar versucht, "unternehmungslustig" zu sagen, und ich tanze gern. Das alles muss also in mein "freies" Wochenende gepresst werden.

Vergangenes Wochenende war das zwar alles geplant, ging dann allerdings nicht: Mein Jüngster war krank und wollte nicht zu seinem Vater.  Deshalb spielte sich mein Wochenende nicht in der großen weiten Welt, sondern plötzlich auf unseren zwei Sofas im Wohnzimmer ab - Carrick vor sich hin dösend, ab und an die Augen auf den Fernseher richtend auf dem einen, ich ihm Gesellschaft leistend auf dem anderen. Ich nahm das Telefon in die Hand und sagte Verabredungen ab, wuchtete einen Stapel von alten "Birgitte Woman" Zeitschriften auf meine To-Do-Listen-Zettel-Sammlung und legte die Füße hoch - unterbrochen vom Teekochen, auf Krankenwunsch Frikadellen braten und Kartoffelnpüreestampfen, Cola und Halstabletten holen, Fieber messen, Decken umdrehen, Kissen aufschütteln und diversen anderen Diensten.

Plötzlich löst sich ein Knoten

Da lagen wir nun in unserer "Auszeit", die das Fieber meinem Sohn verordnete hatte und mir irgendwie gleich mit. Nix mit Ausgehen und freiem Wochenende. Klar hätte ich an den To-Do-Listen arbeiten können, aber irgendwie kam da das Böckchen hoch: Kein Ausgehen, kein Arbeiten, dachte ich mir. Macht nicht unbedingt Sinn, aber so stand es nun mal um mich: Wenn schon meine Wochenendpläne durchkreuzt werden, dann durchkreuze ich sie richtig. Und wissen Sie was? Plötzlich löste sich irgendwie ein Knoten. Mein Plötzlich Zeit gefunden, für Dinge, die lange liegen geblieben sindZeitknoten. Unerwartet, wie aus heiterem Himmel war sie plötzlich da - die Zeit für Dinge, die ich seit Monaten machen wollte, aber die es nie nach ganz oben auf meiner strikten Wichtigkeitsskala geschafft hatten - dem Punkt, von dem sie auf meine To-Do-Listen springen konnten.

Plötzlich war die Zeit da, um alte Zeitschriften durchzuschauen. Um Haken an die Regalwand anzubringen, an die ich meine Handtaschen aufhängen wollte, wie ich es vor Jahren mal in einer der unzähligen australischen "Home improvement shows" gesehen hatte. Zeit, um Bücher auszusortieren, für die meine Kids zu alt geworden sind. Um das alte Trampolin auf Ebay zu listen. Und dann auch: Zeit, um meinem Sohn mal richtig lang zu zuschauen, wenn er eines seiner Playstationspiele spielt und mit zu fiebern und zu sehen, wie schwierig das ist, den sogenannten "Boss" zu besiegen im Team mit seinen Freunden in anderen Wohnzimmern. Oder Zeit, um einfach mal so Fernsehen zu schauen.

Traum von Auszeit: Von Melbourne nach Irland

Traum von Auszeit von Melbourne nach Irland

Oder aber Zeit zu träumen: Von einer Auszeit auf der grünen Insel Irland, an der Küste bei Killybegs, an der es manchmal so windig ist, dass einem das Meer um die Ohren fliegt, wie die "Brigitte Woman"-Autorin es beschreibt, die sich dort zum Webenlernen zurückgezogen hat. Schön! Oder von der Auszeit auf der idyllischen italienischen Insel, die sich ihre Kollegin gönnte, um endlich mal wieder zu sich selbst zu finden - ohne jegliches Internet, Handy und Kinder, die sie bei ihrem Mann Zuhause ließ. Der hatte sie übrigens eigenhändig vor den Computer gesetzt, um diese für sie - wie er fand - wichtige Auszeit zu buchen. Interessant!

Allerdings, nachts während ich spät noch Seite um Seite meiner heißgeliebten Zeitschriften umblättere und mich ohne mein gemütlich warmes Bett zu verlassen in andere Welten tragen ließ, jagte mein Sohn durch wilde Fieberträume und rief nach mir. Wie in alten Zeit als er klein war hocke ich mich auf seine Bettkante und bin an seiner Seite. Ich nenne seinen Namen, wie er sich´s von mir wünscht, halte seinen Kopf und seine Hand - um 23:31 Uhr, um 2:47 Uhr und um 5:28 Uhr. Wir führen lange Fiebergespräche über Timeloops und Timetravel, über neue Techniken, die er sich für seine Salti auf dem Trampolin ausgedacht hat, Gespräche über Gott und die Welt, über die ich manchmal herzhaft lachen muß und von denen er am Morgen als er sich viel besser fühlt, rein gar nichts mehr weiß.

Mit zwei Chais in der Sonne sitzen und lachen

Wir frühstücken zusammen und ziehen uns wieder auf die Couch zurück. Nachmittags als er sich noch ein wenig wohler fühlt, fahren wir kurz in den Nachbarort und bringen gemeinsam ausgemusterte Sachen in den OP-Shop. Wir gönnen uns zwei Chais, setzen unsGönnen sich zwei Chais: Claudia Löber-Raab und ihr jüngster Sohn auf eine Bank in der Sonne, erinnern uns an "alte Zeiten" und lachen viel. Abends hängen wir vorm Fernseher, amüsieren uns über eine Talentshow und bestaunen meine Regalwand, an der nun meine Handtaschen aus aller Welt hängen. Ins Bett gehen wir früh, und ich schlafe so tief und fest, wie schon lange nicht mehr.

Als ich die Augen aufschlage, fällt mir die 62-jährige Achtsamkeitstrainerin aus Hamburg ein, über die ich am Abend zuvor gelesen habe. "Ich betrachte die Getreidekörner, erschnuppere den Duft des Käses und lausche dem leisen Ploppen des Milchschaumes in meiner Kaffetasse. Erst dann führe ich das Brot zum Mund, beiße hinein und lege es wieder auf den Teller," hat sie einer Journalistin erzählt. Wow! Mindfulness - also ganz konzentriert sein auf die Gegenwart und das Hier und Jetzt, das Abschalten des inneren Autopiloten sozusagen - in seiner höchsten Form. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals so mindful essen kann (oder es anstrebe). Aber ich glaube, dass es mir am Wochenende zumindest recht gut gelungen ist, wesentlich achtsamer oder "mindful" zu sein als sonst. Achtsam auf mich und achtsam auf meinen Sohn und auf das, was er brauchte: meine Gegenwart. Gepaart ist meine Achtsamkeit mit Glücklichsein und einer zufriedenen Dankbarkeit: Lange wird mein Jüngster mich nicht mehr so brauchen! 

Dinge erledigen sich wie selbstverständlich

Die To-Do-Listen erledigen sich leichter

Deshalb ist auch irgendwie der Montag verschwunden. Ich habe ihn mir frei genommen, weil ich diese für mich schwer festzuhaltende Mindfulness, von der ich intuitiv weiß, wie wichtig sie für mich und uns alle ist, noch ein wenig weiter spüren wollte. Ich bin ungewohnterweise mittten am Tag in der Gym und habe sie, weil ich nicht in meiner gewohnten Morgenroutine war, ganz anders wahrgenommen. Ich habe das Kaffeetrinken mit meiner Freundin nachgeholt, das ich zwei Mal am Wochenende abgesagt hatte, damit sie weiß, wie wichtig sie für mich ist, und endlich den Recycling Bin gekauft, den ich vor Wochen habe besorgen wollen.

Und habe ohne zu planen, einge Dinge von einer meiner To-Do-Listen abgestrichen. Ganz selbstverständlich, ohne Aufwand. Ging gut. So, als ob ich am Wochenende jede Menge Energie aufgetankt habe. Durch eine Auszeit und zwar eine, für die ich nicht ganz allein nach Irland oder Mallorca fliegen mußte und sogar zumindest ein Kind dabei hatte. Brilliant, kann ich Ihnen sagen! Ich werd´s noch mal versuchen!

Claudia Löber-Raab,  Foto Nummer 2, Angelika Waesch, Amazing Creature Photography