Melbourne im dritten Lockdown: Schluss mit Rückwärtszählen und den Kristallkugel-Fragen

Der Countdown für das Ende des Melbourne Lockdowns läuft

Vier von sechs Wochen Stage 4 Lockdown in Melbourne samt Ausgangssperre nach 20 Uhr sind vorbei. Theoretisch könnten Melburnians den Countdown beginnen. Wirklich? Claudia Löber-Raab hat vom Rückwärtszählen und ein paar anderen Dingen endgültig genug! 

Von Countdown zu Countdown 

Countdowns – sechs Wochen, fünf Wochen, vier Wochen. 7 Tage, 6 Tage, 5 Tage, 4 Tage und dann das Ganze von vorn. Ehrlich gesagt: Ich habe keinen Überblick mehr über die zahlreichen Rückwärtszählungen, die ich in 2020 unternommen habe. Über die Striche, die ich von oben rechts nach unten links über Kästchen mit Kalendertagen gezogen haben. Manchmal auch entgegengesetzt: von unten rechts nach oben links. Einfach abwechslunghalber, um zumindest irgendetwas  anders an den sich scheinbar unterschiedslos, aneinanderreihenden Tagen zu markieren.

Alle Tage gleich im Lockdown in Melbourne?

 „Ich komme mir vor, wie im Groundhog Day Movie,“ jammerte gestern eine Freundin von mir, die ihren Zoom-Call mit ihrer Familie in Adelaide verpasst hat, weil sie vergessen hatte, welcher Wochentag war. Glücklicherweise traf sie auf großes Familienverständnis, als sie sich nach 19 Minuten endlich zuschaltete: „Yeah, Lizzy. All good. Life´s a bit blurry at the moment, isn´t it?“

Neuer Catchphrase: Life is a bit blurry!

Life is a bit blurry ist der neue Catchphrase unter Deutschen in Melbourne

In der Tat! Unser Leben, unsere Tage, Wochen, Monate sind „blurry“ geworden – verschwommen und in einander verschmolzen. Wir wünschen uns die Socken mit Wochentagen zurück, um Kontrolle über die Zeit zurückzugewinnen. Kein Wunder, denn zeitliche oder gar örtliche Grenzen, die wir gewohnt waren, sind verschwunden, geschrumpft oder um vieles biegsamer geworden.

Die meisten von uns arbeiten von Zuhause. Ein Ortswechsel ist nicht nötig, auch kein Bringen oder Abholen der Kids von Childcare, Kinder oder Schule. Und unsere Tages- und Wochenrhythmen? Montag Klavierunterricht, Dienstag Basketball Spielen, Mittwoch Essen mit Freunden, Donnerstag Kinoabend und Freitag „Wine Down“ mit Kollegen bevor am Samstag die Kids zu diversen Sportaktivitäten kutschiert werden?

Diese großen Struktur haben wir nicht mehr. Nur noch kleine, die oft flexible sind, wie der “On Demand”-Zoom-Workout in den eigenen vier Wänden, der Zoom-Gitarrenunterricht oder der Zoom-Kaffeetreff. Sie alle lassen sich wesentlich leichter und ohne großen Aufwand oder Unterbrechung in unseren Alltag integrieren. Pflegeleicht sozusagen. Alles ein bißchen weichgespült.

September-Startloch für Weihnachten

Im Großen und Ganzen habe ich den Überblick über Datum und Wochentag nicht verloren. Dennoch bin ich erschrocken darüber, dass die Monatszahl morgen von 8 auf 9 hüpft. Der September ist im Anmarsch. Obwohl er meine Lieblingsjahrzeit Frühling mit sich bringt – in Australien beginnt er offiziell am 1. September –  muss ich die Luft anhalten. Wo ist das Jahr geblieben?

Weihnachten in Melbourne beginnt oft schon im September

Nur noch wenige Wochen und Coles, Woolworth und Aldi werden für uns die ersten Lebkuchenherzen in ihre Regale zaubern. Und während wir uns – wie in jedem Jahr – darüber echauffieren, wie früh das Weihnachtsgeschäft anfängt, finden wir uns im nächsten Moment beim Scrollen durch die ersten weihnachtlichen Geschenkempfehlungen, die uns Myer und David Jones – oder was von ihnen übrig geblieben ist – auf unsere Handys schicken. Versehen mit einem Countdown fürs Heilige Fest natürlich, um unsere derzeitige FOMO – Fear Of Missing Out – noch mehr zu schüren.

Can we just skip to December?

Das Jahr 2020 einfach vergessen?

Und natürlich werde ich mich von diesem neuen Rückwärtszählen anstecken lassen, das viel detaillierter sein wird, als mein jetziges: Das 4-3-2-1 Monat-Rückwärtszählen bis 2021. Frei nach den überall zu findenden Memes nach dem Motto: „Can we just skip to December and throw 2020 away?“ Und was, wenn wir könnten? Was dann – in 2021?

Wenn mich 2020 eines gelehrt haben sollte, dann, dass es keine Kristallkugel gibt, die uns die Zukunft vorhersagt. In zwei Wochen soll Melbourne aus dem Stage 4 Lockdown „entlassen“ werden. Theoretisch. Praktisch? Mit jeder täglichen Pressekonferenz von Victorias Premier Daniel Andrews wird klarer, dass die Praxis eine Theorie, die vor vier Wochen in COVID-19-Zeiten  definiert wurde, als nichtig erklären kann. Kann – muss aber nicht.

 Was, wenn Countdown-Ende enttäuscht?

„Regarding the stages – it´s going to be slow getting back – so I have no expectations – my mind is more at peace with that,“ textete mir heute morgen eine andere Freundin. Wie clever! So clever und einleuchtend, dass ich genau das heute machen werden: Frieden mit meinem Rückwärtszählen, meinen Countdowns.

Countdown in COVID

Ich mag mich nicht mehr nur auf einen Tag konzentrieren – den, der das Ende des Countdowns markiert – und der dann vielleicht ganz anderes ist, als ich ihn mir gedacht und Dinge bringt, die ich nicht erwartet habe. Ein Tag, der mich enttäuscht und mir auf die Stimmung drückt, die eventuell schon niedrig genug ist.

Zu schnell für das Jahr gerannt?

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Ich mag nicht mehr fragen: Wo ist das Jahr geblieben? So, als ob ich zu schnell zu weit nach vorn gerannt bin, dem Jahr davon und mit dem Countdown auf irgendetwas, zu ungenau Definiertes in der Zukunft zu gelaufen bin. So, also ob ich das Jahr nicht mehr sehen kann, wenn ich mich nach ihm umdrehe, wenn ich am Ende des Countdowns angekommen bin, es mit meinen Augen suche, und es längst aus meiner Sicht geraten ist, weil ich mich zu weit von ihm entfernt habe.

“Live for the moment because everything else is uncertain” hat Louis Tomlinson einmal gesagt, der ehemaligen Sänger der Boy Band One Direction. Recht hat er und ich nie gedacht, dass ich ihn jemals zitiere. Doch heute ist ein Tag der Veränderungen. Und bevor ich jetzt meine 5-4-3-2-1 Übung beginne, die mich mit einer Rückwärtszähl-Technik ins sphärische Hier und Jetzt mit bewußtem Einbezug meiner fünf Sinne transportiere, schnapp ich mir meine Air Pods, Hund samt Leine, lasse mir von Siri die One Direction Playlist auf Spotify suchen und gehe laufen.

Auf das “blurry” Leben in COVID-19

Die Sonne hat sich Melbourne erbarmt. Winter und Countdowns adé. Scheiden tut mir in diesem Fall überhaupt nicht weh. Ob “blurry” oder nicht, das Leben ist und bleibt ein Fluß. Kristallkugel hin, Kristallkugel her. Das einzige, was vorhersagbar scheint, ist, dass nichts bleibt, wie es ist und das Leben weiter geht bis es für den Einzelnen still steht. Und das ist gut so. Auf das “blurry” Leben im Fluß.

Das Leben ist ein Fluss in Melbourne

Written by Claudia Loeber-Raab, claudia@deutscheinmelbourne.net

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