Diskutiert in Australien: “Die anderen Leben” – die Krux und Scham des Ost-Deutsch-Seins

Auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sind die Auswirkungen des Getrenntseins des Landes zu spüren

Wie fühlt es sich an in der ehemaligen DDR aufgewachsen oder gar ein Kind dieser ehemaligen DDRler zu sein? Und warum fällt es vielen so schwer, darüber zu reden? Daniela Müller und Claudia Sandberg, Dozentinnen am German Department der University of Melbourne, griffen dieses Thema jetzt in einer Online-Veranstaltung auf.

Sie hatten die preisgekrönten deutschen Autorinnen Dörte Grimm und Sabine Michels eingeladen, über ihr neu erschienenes Buch “Das andere Leben” zu sprechen. Es beschäftigt sich genau mit diesen Fragen und basiert auf zahlreichen Interviews. Isabelle Erdich schaltete sich für DiM dem Event zu, für dass sich zahlreiche deutschsprachige Expat und Interessierte an deutscher Geschichte innerhalb Australiens, aber auch international, interessierten.

Wendekinder – Children of Change

Zu einer kommunikativen Online-Veranstaltung über die Schwierigkeit vieler, über das Leben in der ehemaligen DDR zu sprechen und beispielsweise ihren Kindern oder Enkelkinder davon zu erzählen, lud jetzt das German Department der Universität of Melbourne unter Federführung von Dozentinnen Daniela Müller und Claudia Sandberg ein. Die Autorinnen Dörte Grimm und Sabine Michels standen im Mittelpunkt. In ihrem im August erschienen Buch “Die anderen Leben” begleiteten die beiden gebürtigen “Ostfrauen” verschiedene Familiengespräche über die Zeit der Teilung und ihre Folgen. Michels ist erfolgreiche Filmregisseurin, die für ihren Film “Zonenmädchen” mit dem renommierten Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet ist. Grimm ist viel beachtete Autorin, die sich einen Namen insbesondere mit ihren Dokumentationen mit Fokus auf die ehemalige DDR gemacht hat.

Die Zuhörerschaft war groß und gemischt, viele AustralierInnen, aber auch US-AmerikanerInnen, sowie Deutsche hatten sich zur gegebenen Zeit vor ihren Laptops für die Zoom-Veranstaltung eingefunden. 

Die anderen Leben von Dörte Grimm und Sabine Michels stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung der University of Melbourne

Grimms Buch “Die Unberatenen”- ein Wendekind-Portrait, sorgte gleich zu Beginn der Veranstaltung zu einer gewissen Verwirrung unter denjenigen, denen der Begriff “Wendekind” so noch nie zuvor begegnet war. Praktisch übersetzt erläuterten die beiden Autorinnen das Wort als die “children of change”. Obwohl Egon Krenz den Begriff damals prägte und er bis heute in den Köpfen vieler tief verankert ist, sei er falsch gewählt, da er nicht alles symbolisiere, was mit dem Mauerfall passierte, betonte Michels.

Vom Ex-Stasi-Mitarbeiter zur Putzfrau

Scham bestimmt viele, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind

Auch die Autorinnen, geboren 1971 und 1978, definieren sich selbst als Wendekinder – beziehungsweise eher “Wende-Jugendliche” – und tragen einen Teil dieser Geschichte in ihrem Herzen. Das ist wohl auch einer der Gründe, wie es zu dem Entschluss eines solchen Werkes wie “Die anderen Leben” kam. Zunächst hatte Sabine Michels die Idee, beantragte eine Förderung für das Projekt und holte sich dann Dörte Grimm mit ins Boot.

Gemeinsam arbeiteten sie an der Vision des Projektes und begannen dann nach Interviewpartnern zu suchen. Sie fokussierten sich dabei weder auf eine gesellschaftliche, noch berufliche Gruppe. Unter den im Buch erwähnten Personen sind Taxifahrer, Ex-Stasi-Mitarbeiter, Putzfrauen – ein Querschnitt der Gesellschaft. Jeder kommt zu Wort.

Zumindest all jene, die es wollen. Denn von denen, die es nicht wollten, gab es laut den Autorinnen einige. “Wir hatten viele Absagen. Wir brauchten teilweise fast ein Jahr um eine feste Zusage für die Interviews zu bekommen. Manche wurden auch erst ein Tag vor dem Gespräch abgesagt.” Der Grund für die vielen Absagen? Scham, sagen die beiden.

Die Krux des Ost-Deutsch-Seins

Die Absagen, so stellten Grimme und Michels rasch fest, kamen immer aus der Elterngeneration. Hier wurde das Erlebte jahrelang verdrängt, Konflikte vermieden und mit der Vergangenheit abgeschlossen. Außerdem läge es in der Natur der Sache. Die Elterngeneration hatte viel mehr zu bewältigen. Die Wende wurde vor allem in den Medien zu oft nur aus der positiven Perspektive betrachtet. Es wurde davon gesprochen, was sich nun alles zum Besseren ändern würde. Von negativen Aspekten, die es durchaus gab, keine Spur.

Die Menschen, die sich trauten über sie zu berichten, wurden platt als “Jammer-Ossi” abgetan. Und als die Mehrheit endlich dazu bereit war, davon zu sprechen, waren großflächig die Vorurteile schon zu fest gesellschaftlich verankert. So entstanden zwei völlig verschiedene Narrative. Das des Westens, das von Aufbruch, Zusammenhalt und Freude beschrieben wurde, und das des Ostens, der mit vielen Challenges, vor allem ökonomisch zu kämpfen hatte.

Jammer Ossi und Besserwisser Wessi

Genau deswegen seien die Menschen aus der sogenannten “zweiten Generation” auch so wichtig im Heute, betonten die Autorinnen. Der Kapitalismus befände sich in einer Krise und Menschen, die bereits mit einer ähnlichen Krise umgehen mussten, könnten viel eher Präventionshilfe geben, so  Grimm im Gespräch mit den ZuhörerInnen. Gerade die jüngere, zweite Generation habe noch viele Fragen, fühlte sich missverstanden und sehnte sich nach der offenen Kommunikation.

Buchprojekt als Chance für Austausch

Grimm und Michels brachten Generationen dazu miteinander zu sprechen

Doch wie und wo beginnt man so ein Gespräch? Mit der Idee dieses Buch lieferten Grimm undMichels den Familien genau das, was ihnen fehlte. Ein Grund und eine Situation, um sich gegenseitig auszutauschen. Das Buch gibt einen persönlichen Einblick in verschiedenste Schicksale. Da ist die ehemalige Lehrerin, die sich aufgrund des ganzen Drucks, das Leben nehmen wollte. Oder die Familie, die den Staat leugnete.

Ein Blick, den das Buch auch gibt: die starken Frauen des Ostens. Da Frauen schon früh im Osten stark belastet wurden, beispielsweise mit einer nahezu selbstverständlichen Berufstätigkeit auch mit Kindern, habe sie diese starke Haltung selbst nach der Wende beibehalten. Das hieße auf keinen Fall, dass die DDR ein feministischer Staat gewesem sei, betonte Sabine Michels. Nein, das auf keinen Fall, sagte sie. Dennoch konnte auch Dörte Grimm von ihren Erfahrungen berichten, in einem Netzwerk vieler starker Ostfrauen aufgewachsen zu sein.

Am Ende, das erklärten beide Autorinnen zum Schluß der Veranstaltung, ginge es allen hauptsächlich darum, mit der eigenen Geschichte umzugehen. Sie zu akzeptieren und offen über Gewesenes sprechen zu können.

Zahlreiche Fragen und Kommentare

Daniela Müller und Claudia Sandberg gelang es die Online-Veranstaltung mit internationalem Publikum souverän und interaktiv zu moderieren sowie die zahlreichen Fragen und Kommentare der ZuschauerInnen aktiv einzubeziehen. Das Event veranstalteten sie gemeinsam mit dem DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst), dem Network Third Generation East USA sowie dem Goethe-Institut Melbourne.

Sie möchte sich selbst von dem Buch und den beiden Autorinnen überzeugen?  Die anderen Leben von Sabine Michels und Dörte Grimm ist im August 2020 erschienen und unter anderem über Amazon erhält. Teilen Sie uns mit, was Sie darüber denken! Wir sind gespannt und veröffentlichen gern ihre Buchkritik. Kontakt: claudia@deutscheinmelbourne.net 

Text: Isabelle Erdrich, Copyright Deutsche in Melbourne 2020

Die Einheit ist noch nicht ganz gegeben

Stay up to date

Niemals die neuesten Infos, Tipps, Termine und Treffen verpassen!

Sei mit dabei! Wir freuen uns auf dich!

Melde dich jetzt schnell und einfach für deinen Newsletter an.

You May Also Like…

0 Comments

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *