Generalkonsulat Melbourne schließt: Canberra und Sydney zuständig

Nur noch ein Honorarkonsul unterstützt von einem Konsularbeamten

“Aus die Maus” für das Generalkonsulat Melbourne – das hat jetzt das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Konkret bedeutet die Entscheidung, dass die Positionen der derzeitigen Generalkonsulin Dr. Anne-Marie Schleich sowie der derzeit vier Konsulatsbeamtinnen und -beamten, einer Konsularangestellten und mehrerer Ortskräfte, Angestellte, die nicht von der Bundesregierung entsandt sind, gestrichen werden. Ersetzt werden sollen sie durch einen Honorarkonsul, dem, nach Auskunft des Botschafters, lediglich ein Berufskonsularbeamter der Botschaft Canberra zugeteilt wird. Dieser soll den Honorarkonsul bei der Bearbeitung rechtlicher und konsularischer Aufgaben unterstützen.

Jan Münch, Leiter der Verwaltung der Botschaft Canberra, versichert zwar, dass weiterhin Ortskräfte zum Einsatz kommen sollen, wobei die Zahl noch nicht feststehe.Schwerpunkte diplomatischer Beziehungen verschieben sich  Dennoch wird die Arbeit, die bisher von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Generalkonsulats Melbourne geleistet wird, auf deutlich weniger Schultern verteilt werden müssen.

Von Vaterschaftsanerkennung bis Beistand im Todesfall

Und wer je im Generalkonsulat Melbourne etwas zu erledigen hatte, weiß, dass das Arbeitsaufkommen dort keinesfalls gering ist. Betriebsam geht es während der Öffnungszeiten in dem stattlichen Gebäude an der Punt Road in South Yarra immer zu. Gerade war der dringend benötigte zweite Schalterraum eröffnet worden. Das Team kümmert sich seit Jahrzehnten um die konsularischen Angelegenheiten von Deutschen in einem flächenmäßig schier unglaublichen Gebiet, zu dem außer Victoria mit rund 17.000 Deutschen, auch Tasmanien sowie Süd- und Westaustralien zählen. Zum Aufgabengebiet gehören Vaterschaftsanerkennungen, Geburtsurkunden und Passanträge sowie -verlängerungen, Anträge auf doppelte Staatsangehörigkeit, Renten, Erbschaftsangelegenheiten, Beglaubigungen und Visa-Angelegenheiten von Nicht-Deutschen.

Doch damit nicht genug: Wird nach der Sprechzeit das schmiedeeiserne Tor für Besucher geschlossen, geht die Arbeit für die Konsulatsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen weiter, die nicht selten persönliche und emotionale Hilfestellung und Beistand leisten bei Not- und Todesfällen deutscher Staatsangehöriger. Auch  Besuche bei deutschen Inhaftierten in australischen Justizvollzugsanstalten oder die Bearbeitung von Anträgen auf Entschädigung oder Rente der Bundesrepublik gehören zum Pensum. Um ihre Aufgaben zu erfüllen, gehen die Mitarbeiter nicht selten die sogenannte “extra mile” und unterzeichnen beispielsweise eine Lebensbescheinigung für die Wiedergutmachungsrente im Jüdischen Holocaust Zentrum statt im Konsulat, was ihnen besonders in der jüdischen Gemeinde Melbournes einen guten Ruf eingebracht hat.

“Umwandlung” in etwa zwölf bis 18 Monaten

Für all das sollen jetzt weit weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da sein. Bestimmte Zuständigkeiten werden nach Canberra oder auch Sydney verlagert. Ab wann? “Im Laufe von zwölf bis 18 Monaten”, schätzt Jan Münch vorsichtig und erläutert, dass die Dauer der sogenannten Übergangszeit bis zur endgültigen “Umwandlung” von mehreren Variablen abhänge.

Umwandlung in Honararkonsulat MelbourneZunächst müsse eine geeignete Person gefunden werden, die bereit ist, das Amt eines Honorarkonsuls zu übernehmen. “Das ist kein Job, der ausgeschrieben wird”, erklärt Münch. Honorarkonsuln, deren Aufgabe es ist, einen Generalkonsul zu unterstützen, die aber nicht über die gleichen Befugnisse verfügen wie diese, werden zumeist vorgeschlagen und sind Personen des öffentlichen Lebens mit einer öffentlichen Stellung, die über ein gutes Netzwerk insbesondere zur Regierung des Gastlandes verfügen. Dabei sollten sie über deutsche Sprachkenntnisse und deutsche Verbindungen verfügen, müssen aber, laut Münch, nicht zwangsläufig die deutsche Staatsangehörigkeit haben.

Sowohl die Botschaft als auch das Generalkonsulat in Melbourne würden derzeit nach einem geeigneten Honorarkonsul Ausschau halten, erklärt der deutsche Beamte, um dann auf die zweite Variable zu sprechen zu kommen: Der potentielle Kandidat oder die Kandidatin müsse über Räumlichkeiten verfügen, die Besucher des Honorarkonsuls ansteuern können. Außerdem müssen sie den Berufskonsularbeamten und gegebenfalls die Ortskräfte beherbergen können. Ob und wie der künftige Honorarkonsul dafür entschädigt wird, darüber sei noch keine Entscheidung gefallen, auch nicht über die Zukunft des imposanten Konsulatsgebäudes in South Yarra, das sich im Besitz der Bundesregierung befindet, sagt Münch. Übrigens, obwohl es nach Honorar klingt, arbeitet ein Honorarkonsul ehrenamtlich – auf Englisch “honorary”. Eventuell darf er oder sie etwas von der Gebühr einbehalten, die man für amtliche Angelegenheiten zahlen muss, aber das ist nicht gewährleistet.

Flug nach Canberra nicht für “Alltagsgeschäft” erforderlich

Garantieren kann Münch jedoch, dass Deutsche sich für alltägliche konsularische Angelegenheiten nicht in den Flieger nach Canberra oder Sydney setzen müssen. Passangelegenheiten, Geburtsurkunden, Lebensbescheinigungen, Fingerabdrücke – all das könne beim zukünftigen Honorarkonsul erledigt werden. Nur in ganz wenigen Fällen müsse die Botschaft in Canberra aufgesucht werden, beispielsweise bei komplizierten Beurkundungen oder komplexen Erbfällen, bei denen ein Volljurist benötigt wird. Post, die momentan direkt von Melbourne nach Berlin auf die Reise geschickt würde, müsste nun den Umweg über Canberra nehmen. Eine 11_GKMel_02Notfallnummer, die angerufen werden kann, wenn das Honorarkonsulat geschlossen ist, wird ebenfalls bestehen bleiben. Der Anrufer wird jedoch nicht immer erwarten können, dass die Person, die den Anruf beantwortet, in Melbourne ist.

Länder wie China und Afrika haben höhere Bedeutung

Geschlossen wird das Generalkonsulat – oder wie es auf Amtsdeutsch formuliert ist – umgewandelt oder ersetzt, aufgrund einer routinemäßigen Überprüfung, ob das Netz der Auslandsvertretungen den aktuellen Prioritäten und außenpolitischen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Diese Überprüfung, so heißt es im Brief von Botschafter Michael Witter, führe regelmäßig zu strukturellen und organisatorischen Anpassungen, die “angesichts der bekannt angespannten Haushaltslage im Rahmen vorhander personeller und finanzieller Mittel erfolgen” müssen. “Dabei gilt es unter anderem globale Entwicklungen in den sogenannten Schwellenländern, im arabischen Raum und in Afrika zu berücksichtigen sowie neue Prioritäten der Energie-, Rohstoff- und Klimapolitik im Auge zu behalten.”

Auf Nachfrage, was diese Formulierungen bedeuten, erklärt Hubertus Klink, Leiter der Presse- sowie Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Canberra: “Schwerpunkte verschieben sich. Es gibt Neuentwicklungen wie zum Beispiel den Arabischen Frühling in Nordafrika und Arabien. Dieser Raum gewinnt an zusätzlicher Bedeutung für Deutschland, und es entsteht ein neuer Bedarf an Betreuung und Kooperation.” In Bezug auf Energie und Rohstoff bräuchten Länder wie China und Afrika im Vergleich zu Australien heute eine intensivere Betreuung und eine höhere Anzahl an Fachexperten.

Wer repräsentiert Deutschland, wenn es Generalkonsuln nicht mehr gibt?

Das Generalkonsulat Melbourne hat sich bisher auch der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Belange der Deutschen im Amtsbezirk angenommen. Außerdem haben alle bisherigen Generalkonsuln und die derzeitige Generalkonsulin wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland und Australien gepflegt und gestärkt. Wie sieht es damit in Zukunft aus? Insbesondere in Anbetracht des starken vom “Australian Bureau of Statistics” vorhergesagten Wachstums Melbournes, das die Stadt größer als Sydney werden sieht? Ist dies in die Entscheidung des Auswärtigen Amtes eingeflossen?

Passanträge gehen jetzt nach Canberra und dann nach Berlin“Da haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt”, gibt Jan Münch zu. Das wisse er nicht, sei sich jedoch sicher, dass aktuelle Statistiken Berücksichtigung gefunden hätten. In Canberra stünden außerdem finanzielle Mittel zur Verfügung, die es Mitarbeitern ermöglichen, für bestimmte Veranstaltungen nach Melbourne zu fliegen, versichert er.

Beamte werden versetzt, Ortskräfte ohne Anspruch auf Weiterbeschäftigung

Fest steht eines, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, deren routinemäßige Versetzung aus Melbourne an einen anderen Ort ansteht, werden zunächst nicht mehr ersetzt.  “Es wird versucht, eine Interimlösung zu finden”, erklärt Münch, das heißt, man suche Fachpersonal, das kurzfristig eingesetzt werden kann, um “auftauchende Lücken” zu füllen.

Dem Team des Generalkonsulats Melbourne stehen zum Teil einschneidende Veränderungen bevor: “Für die Konsularbeamten steht eine Versetzung an”, meint Hubertus Klink. Die sogenannten Ortskräfte wie Fahrer, Hausmeister und Sachbearbeiter haben keinen Anspruch auf Weiterbeschäftigung. “Natürlich bereitet uns das Kopfzerbrechen”, erklärt Klink. “Wir wissen auch, dass in Melbourne ein hoher Bedarf besteht und verbleibt und werden ein Auge darauf haben.” Doch weist er zugleich darauf hin, dass man nicht vergessen solle, dass Deutsche in Australien in puncto Anzahl der Generalkonsulate “verwöhnt” seien im Vergleich zu anderen Ländern.

Bleiben Öffnungszeiten?

Auf die Frage, ob die derzeitigen Öffnungszeiten im künftigen Honorarkonsulat beibehalten werden, konnte Münch noch keine Auskunft geben. “Das ist alles noch in Planung.” Das Organisationsreferat im Auswärtigen Amt, das für die Umwandlung zuständig ist, habe jedoch “Interesse an größt möglicher Transparenz” und würde über Neuigkeiten informieren. Es wird also spannend bleiben – und im Generalkonsulat einsamer werden …

Kontakt: claudia.raab@deutscheinmelbourne.net

Was halten Sie von der Schließung des Generalkonsulat? Hinterlassen Sie Ihren Kommentar im Deutsche in Melbourne Forumsstrang, den wir extra angelegt haben, damit Sie Ihre Meinung äußern können. Wir sind gespannt auf Ihre Reaktionen.

Stay up to date

Niemals die neuesten Infos, Tipps, Termine und Treffen verpassen!

Sei mit dabei! Wir freuen uns auf dich!

Melde dich jetzt schnell und einfach für deinen Newsletter an.

You May Also Like…

0 Comments

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *