Glänzende Erinnerung zu spenden: der neue Donation Dollar – Rettet er Australiens Wohlfahrtsektor?

Australien hat einen neuen Donation Dollar eingefuehrt

Mehr Australier denn je suchen Hilfe von allgemeinnützigen Wohlfahrtsorganisationen, deren Angestellte und Heere von freiwilligen Helfern derzeit oft rund um die Uhr unermüdlich arbeiten, um dem rasch ansteigenden Bedarf nachkommen zu können. Doch in einer Zeit, in der ihre Dienste vielen Australiern helfen, im wahrsten Sinne des Wortes am Leben zu bleiben, kämpft der Wohlfahrtssektor selbst darum. Und gut sieht es nicht für ihn aus. Warum und wie der neue Donation Dollar, der jetzt von der australischen Regierung in den Umlauf gebracht ist, helfen soll, darüber berichtet Claudia Löber-Raab.

Von Indigenous Rights bis Umweltschutz

Wir erinnern uns? In Zeiten vor COVID-19 gab es nahezu jedes Wochenende zumindest einen Charity-Run in Melbourne – von ganz großen wie dem Mother´s Day Classic, der Organisation, die jährlich den größten Spendenbeitrag für Australiens Breast Cancer Research sammelt, bis hin zu kleineren privat organisierten etwa für FairShare´s Kitchen Gardens. FairShare kocht mit einem Heer von Freiwilligen rund 15.000 Mahlzeiten täglich, die an die beständig wachsende Zahl von Bedürftigen in Melbourne und Brisbane ausgeteilt werden. 

Charity Runs sind in Australien sehr populär und sammeln Geld für Wohltätigkeitszwecke

58.381 Charities – Wohlfahrtsorganisationen – sind in Australien registriert. Die meisten davon – 34.55 % – sind in New South Wales ansässig, gefolgt von 25.8 % in Victoria. Sie kümmern sich um Obdachlose, Opfer von häuslicher Gewalt, deren Situation sich in COVID-19 Zeiten noch weiter verschlimmert hat, schützen und unterstützen Kinder und Jugendliche, verteidigen Rechte von First Nation-Australiern, Asylbewerbern und Flüchtlingen, treten für malträtierte Tiere oder den Schutz der Umwelt ein und sammeln Geld für Australiens Top-Forschungsinstitute, die Menschleben weltweit retten, um nur einige ihrer wohltätigen Zwecke zu nennen.

Charities sind oft letzte Rettungsleinen

Obdachlose sind von der COVID-19 Krise auch in Australien betroffen

Für viele Australier und Australierinnen sind die Hilfsorganisationen eine unabkömmliche Rettungsleine – zunehmend die einzige, die sie vielfach im wahrsten Sinne des Wortes am Leben hält. Seit März 2020 hat COVID-19 die Situation vieler, die auf Hilfsangebote und Fundraising-Aktionen der Charities angewiesen sind, weiter verschlimmert. Bereits im Mai berichtete ProBono, dass fast die Hälfte aller Charities in Australien einen höheren Bedarf an ihren Diensten verzeichneten und zahlreiche Mitarbeiter Überstunden leisteten.

Taskforce beispielsweise, eine Wohltätigkeitsorganisation, die in East und South Melbourne sogenannten gefährdeten Jugendlichen, Erwachsenen und ihren Familien umfassende Beratungs- und Hilfesmöglichkeiten anbietet, hat einen starken Anfrageanstieg seit Beginn der Pandemie dokumentiert.

Vergleiche mit Statistiken vor COVID-19 zeigen nicht nur einen scharfen Anstieg an Notrufen für „family violence“-Fälle, sondern auch an Hilferufen im Bereich von „mental health und wellbeing“. Letztere, so Mike Davis, Head of Strategy von Taskforce, sei von etwa 35 auf 65 Prozent gestiegen.

Hilfesuchende werden immer jünger

Auch das Klientel von Taskforce hat sich verändert. Die Zahl derjenigen, die Empfänger von Centrelink-Zahlungen sind und die Angebote der Not-for-Profit-Organisation in Anspruch nehmen, hat sich mit über 80 Prozent nahezu verdoppelt.

Grund zur Besorgnis ist ebenfalls die Anzahl von jüngeren Erwachsenen, die bei Taskforce Unterstützung suchen: Lag der Prozentanteil von 25 bis 34-Jährigen vor COVID-19 zwischen 20 und 30 Prozent, stieg er Mitte August 2020 auf rund 65 Prozent. 

Wer rettet die australischen Wohlfahrtsorganisationen

Wundert uns das? Australiens Arbeitslosenrate stieg im Juli auf 7.5 Prozent und war damit so hoch wie nie zuvor in 22 Jahren. Hinter den 7.5 Prozent verbergen sich über eine Million Australier, die ohne Arbeit sind. Hinzukommt eine weitere Million von Arbeitnehmer und  Arbeitnehmerinnen, deren Arbeitszeiten (und somit auch deren Gehalt) aufgrund COVID-19 gekürzt wurden.

Ausblick auf Dezember sehen grimmer aus

Die australische Arbeitslosenrate steigt unaufhaltsam

Ausblicke auf Dezember sehen sogar grimmer aus: Australiens Finanzminster Josh Frydenberg sagt voraus, dass die Arbeitslosenrate im Dezember-Quartal auf 9.25 ansteigen wird. Die „Reserve Bank“ rechnet sogar mit 10 Prozent. Und nicht zu vergessen: wenn die Job Keeper-Zahlungen von der Regierung gestoppt werden und dann tatsächlich, wie von Finanzexperten vorhergesagt, rund ein Viertel aller Businesse schließen, die die Zahlungen erhalten, um Angestellten weiterhin Gehalt zahlen zu können, wird sich die Arbeitslosenzahl eventuell noch einmal erhöhen.

Tatsache ist, dass Australiens Wohlfahrtsorganisationen mehr als je zuvor von Australiern gebraucht werden und besonders Charities wie Eat Up Australia, die Lebensmittelpakete für Schulkinder und ihre Familien liefert, noch wichtiger werden. Übrigens nicht nur um der Community lebensnotwendige Unterstützung zu garantieren, sondern dem Staat dabei zu helfen, diese Unterstützung zu liefern.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es Australiens Hilfsorganisationen weiterhin gibt. Das allerdings steht in COVID-19-Sternen, denn der Corona Virus macht auch vor Charities nicht halt. Laut dem Australian Taxation Office beziehen 330.000 “Charity Workers” momentan Job Keeper-Zahlungen und sind von Arbeitslosigkeit bedroht, sollten die Zahlungen stoppen. Warum?

Wieviele Charities können überleben?

Social Ventures Australia (SVA) und das Centre for Social Impact (CSI) untersuchten im Juni – vor dem Einsetzen der zweiten Welle und Stage 4 beziehungsweise Stage in Victoria – welche Auswirkungen ein Einkommensverlust von 20 Prozent, der eine generelle Auswirkung der Pandemie widerspiegeln sollte, auf den Wohlfahrtssektor haben könnte. Das Ergebnis: rund 88 Prozent aller Hilfsorganisationen würden Verluste verzeichnen und nicht mehr profitable sein, 17 Prozent schließen.

Suzie Riddell, CEO von Social Ventures Australia, machte deutlich, dass rund 200.000 “Charity Workers” ihren Job verlieren könnten in einer Zeit, in der not-for-profit Hilfsorganisationen die größte Unterstützung jemals bekommen sollten. Riddell “Charities provide services that people, communities and government rely on. They are the social glue in our communities. Without thriving charities, our productivity and wellbeing is at risk.”

Der Countdown für das Ende des Melbourne Lockdowns läuft

Weniger Spenden bereits Pre-COVID-19

Ein harter Schlag für alle Hilfsorganisationen, die bereits vor der Pandemie mit einem Problem zu kämpfen hatten. Schon 2018 zeigte sich, dass Australier immer weniger spenden. Laut Australiens angesehenem Marktforschungsinsitut Roy Morgan, stieg der durchschnittliche Spendenbetrag von $460 im Jahr 2014 lediglich auf $486 im Jahr 2018, was einen Rückgang bedeutet, wenn man Inflation und Gehaltserhöhungen in Betracht nimmt. 

Interessantes Resultat am Rande: Die Studie zeigt, dass “households with incomes of $130,000 or over donated 0.2 per cent of their household income on average, compared to 1.3 per cent for households with incomes under $20,000.” Im Klartext: je reicher, desto weniger Spenden.

Neuer Donation Dollar soll helfen

Folgt dem Beispiel in Deutschland: die australische Stadt Melbourne

Ob Australier in Zukunft mehr spenden, bleibt zu diskutieren. Josh Freydenberg erklärte vor wenigen Tagen offiziell, dass sich Australien in einer Rezession befindet. Das bedeutet unter anderem, dass in dieser Situation traditionell Geld eher gespart als ausgeben wird.

Damit sich dies ändert und zumindest weiter gespendet wird, setzt die Regierung jetzt auf einen neuen australischen “Donation Dollars”. Gut zu erkennen ist er an seinem grünen Kreis im Zentrum, der aus wiederum aus kleinen Kreisen besteht, die den sogenannten “Ripple Effect” repräsentieren sollen: Eine gute Tat – das Spenden des Dollars – löst eine Welle von guten Taten in aus.

Es ist die erste Münze der Welt, auf die ein Aufruf geprägt ist: “Give to help others!” Er soll als greifbare, tägliche Erinnerung dienen, diesen Dollar zu spenden. Die ersten 4.5 Millionen der neuen Geldstücke sind von der Royal Australian Mint – dem hochbewachten Gebäude, in der Australiens Geld gedruckt und geprägt wird – hergestellt. Wer Glück hat, kann sie am morgigen Samstag, 5. September, am UN “International Day of Charity” in seinem Geldbeutel finden – sollte er bar bezahlen.

In den kommenden Jahren werden 25 Millionen der besonderen Münzen die Besitzer wechseln – ein Dollar für jeden Australier und jede Australierin, das ist der Plan der Regierung. Die Rechnung die dahinter steht: “If every Australian donated a Donation Dollar just once a month, it has the potential to raise an additional $300 million annually for those who need it most. So with Australia’s support, we believe Donation Dollar has the power to make a real difference,” erklärt Ross Royal Australian Mint CEO, Ross MacDiarmid.

Ausgeben: Sammeln des Dollars verboten

 Je öfter der Dollar gespendet wird, je sichtbarer zeigt sich übrigens der “Ripple Effect”. Das Grün reibt sich ab je mehr er gebraucht wird. Obwohl die Zeiten eher zum bargeldlosen Zahlen ermutigen, sind sich alle Beteiligten sicher, dass das Konzept, an dem die Werbeagentur Saatchi and Saatchi Melbourne beteiligt war, langfristig funktioniert. Erste Umfragen zeigten, dass 1 aus 4 Australiern, die zuvor nie gespendet haben, dazu angeregt werden, hielten sie den Donation Dollar in der Hand.

Und keine Sorge! Die Queen läßt sich übrigens auch auf dem neuen Donation Dollar finden. Happy donating!

Spenden ankurbeln will die australische Regierung

Text: Claudia Löber-Raab, Copyright Deutsche in Melbourne

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